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20.03.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeite - 906

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Klaviermusik von Johannes Brahms erwartet Sie in der heutigen Ausgaben: Die vier Balladen op. 10.

Die vier Balladen, komponiert im Sommer 1854, bilden einen Einschnitt in Brahms‘ Schaffen. Mit ihnen schließen die Frühwerke aus den Jahren 1851-54 und damit zugleich die Serie der ersten zehn gedruckten Opera, deren erste neun im Laufe von nur 11 Monaten zwischen Dezember 1853 und November 1854 erschienen waren. Dass sich die Veröffentlichung des Opus 10 bis Februar 1856 hinzog, lag nur daran, dass der Verlag Senff die schon geplante Veröffentlichung 1855 zurückzog. 

In den Balladen finden wir die vertrauten Eigenarten des frühen Brahms vereint: die Anlehnung an eine Gattung der Dichtung bzw. der Vokalmusik, den „Volkston“ in seiner nordischen Ausprägung, hoffmanneske Dämonie und hochromantische Formensprache. Bekanntlich hat Chopin die Dichtungsform der Ballade in die Klaviermusik eingeführt, doch sind seine vier Balladen unter jeweils eigenen Opusnummern erschienen, weil sie stärker zur mehrfach gegliederten Form tendieren als die Brahmsschen. Letztere haben ihr Vorbild eher in der gesungenen Ballade, wie sie Carl Loewe zur Meisterschaft geführt hatte.

Die schottische Ballade "Edward" aus Johann Gottfried Herders Volksliedsammlung "Stimmen der Völker in Liedern" beeindruckte Brahms so sehr, dass sich bei ihm - wie er einem Freund mitteilte - die Melodien wie von selbst einstellten. "Edward" lieferte das Motiv für die erste von vier Balladen-Kompositionen. Es handelt sich um eine grausige Geschichte über einen Vatermord, erzählt mit den Mitteln eines Dialogs zwischen Mutter und Sohn, der in er schockierenden Enthüllung gipfelt, dass der Mord auf Geheiß der Mutter erfolgt ist. Brahms hat den Text später als eindrucksvolles Duett für Tenor und Bass mit Klavier (op. 75 Nr. 1) vertont. Der erste, der die Originalität dieses Satzes erkannte, war Schumann. Brahms hatte ihm das Manuskript der Balladen nach Endenich in die Klinik geschickt. Begeistert schrieb er am 6. Januar 1855: „Und die Balladen - die erste wunderbar, ganz neu.“

Obwohl es keinen Zusammenhang im Sinne einer vierteiligen Form zwischen den Stücken gibt, erschienen Schumann die beiden mittleren Balladen doch wie Andante und Scherzo einer Klaviersonate. Dem entspricht, dass nach dem D-Dur-Hauptteil der zweiten Ballade im Mittelteil wieder die Stimmung der ersten Ballade aufbricht. Das fis im Bass des letzten Akkords dieser Ballade verstand Schumann als Überleitung zur dritten Ballade, einem Intermezzo in h-Moll. „Dämonisch - ganz herrlich“ fand Schumann diesen Satz und spielte damit wohl zu Recht auf die romantische Dämonie eines E. T. A. Hoffmann an, die 1854 für Brahms so entscheidend war. Die vierte Ballade in H-Dur ist ein ruhiger Ausklang über zarten Arpeggien, die an Schumanns Klaviermusik erinnern.

Drei Interpreten habe ich für Sie ausgewählt, zunächst Yuncham Lim, aufgezeichnet am 13. August 2022 im Rahmen des Internationalen Chopin Festivals in Duszniki-Zdrój (Polen):

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Emil Gilels in einem Mitschnitt aus dem Großen Saal des Moskauer Konservatoriums:

www.youtube.com/watch

Und zum Schluss Arturo Benedetti Michelangeli in einem Mitschnitt aus dem RTSI Auditorium in Lugano vom 7. April 1981 - vorab ist Franz Schuberts Klaviersonate a-Moll D 537 zu hören:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd