Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
zum Abschluss des diesjährigen Opernsommers erwartet Sie heute ein Klassiker der Musical-Geschichte: "Les Misérables" von Claude Michel Schoenberg, basierend auf dem Roman "Die Elenden" von Victor Hugo.
Der gute, ehrbare Jean Valjean: Einst wurde er als Verbrecher gejagt, weil er Brot stahl, um die Armen und Elenden zu speisen. 19 Jahre muss er dafür im Gefängnis schmachten. Als der reuige Samariter entlassen wird, gerät er vor dem Hintergrund der Pariser Aufstände von 1832 in ein lebenspralles Drama um Liebe und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, Gnade und Vergebung. Erdacht hat "Les Misérables", das Sittengemälde des Pariser Prekariats zu Zeiten von "Bürgerkönig" Louis Philippe, Frankreichs Großschriftsteller Victor Hugo. 120 Jahre später gehen der Komponist Claude Michel Schönberg und Texter Alain Boublil das Wagnis ein, ausgerechnet mit diesem Stück Weltliteratur die musikalische Sphäre von "My Fair Lady", "Jesus Christ, Superstar" und "Evita" zu erobern.
So staunt die Fachwelt nicht schlecht, als das Musical "Les Misérables" am 17. September 1980 im Pariser Palais des Sports seine umjubelte Uraufführung erlebt. Denn selbst den großen Evergreens des Genres war bis dato in Paris kein Erfolg beschieden - zu englisch-amerikanisch kommt das Kommerz-Musiktheater für den französischen Geschmack daher. "Les Misérables" dagegen begeistert durch nationales Pathos und spricht damit eindeutig ein frankophiles Publikum an; Inhalt und Dramaturgie setzen die Kenntnis von Victor Hugos Charaktere voraus. Doch der Engländer Cameron Mackintosh, einer der erfolgreichsten Impresarios des internationalen Musical-Booms, erkennt das internationale Potential dieser bombastischen Revolutionsballade mit ihren beinahe klassischen sinfonischen Partituren.
In Mackintoshs Auftrag schreiben Schönberg/Boulil das Elendsdrama um zu einer weltweit verständlichen Volksoper, zu einem Kostüm-Spektakel mit Pulverdampf, in dem die tragischen Zeitläufte auf der Drehbühne nur so dahinfliegen. 1985 wird die neue Fassung in London erstmals aufgeführt und erobert von dort die Welt. Allein am New Yorker Broadway hält sich "Les Misérables" 16 Jahre lang. Die West-End-Produktion ist mit weit über 13.000 Vorstellungen das am längsten laufende Musical der Londoner Theatergeschichte. Bereits 1988 hat das Musical seine deutschsprachige Premiere in Wien, der Generalintendant der Vereinigten Bühnen Bühnen - Schauspieler und Regisseur Peter Weck - erzielt nach "Cats", "A Chorus Line" und "Das Phantom der Oper" einen weiteren Sensationserfolg.
1996 kommt das Musical auch nach Deutschland. Mit dem extra erbauten Theater am Marientor erhält es in Duisburg eine eigene Spielstätte. Die deutsche Übersetzung besorgt Rock-Poet Heinz Rudolf Kunze, was ein kollektives Aufstöhnen des deutschen Feuilletons zur Folge hat. "Schuss reimt sich auf Kuss", höhnt ein Kritiker. Das Publikum ist anderer Ansicht. Immerhin 1,5 Millionen Besucher lockt das von mehr als 100 Schauspielern präsentierte Bühnen-Elend in die Musical-Diaspora Duisburg, bevor Ende 1999 nach 1.598 Vorstellungen der letzte Vorhang fällt. Seither taucht "Les Misérables" immer häufiger auch im Spielplan klassischer Opernhäuser auf.
2012 kommt die Filmfassung von Tom Hooper heraus. Anne Hathaway spielt darin Fantine, wofür sie einen Oscar und einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin gewinnt. Hugh Jackman ist als Valjean zu sehen, wofür er Oscar-nominiert war, Russell Crowe als Inspektor Javert. Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen spielen die Thénardiers, Amanda Seyfried Cosette. Den Golden Globe gab es auch für den "Besten Film" und für Jackman.
Unser heutiger Mitschnitt ist eine konzertante Aufführung, die anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von "Les Misérables" in der Londoner Royal Albert Hall stattfand. Darsteller aus Produktionen der ganzen Welt wirkten 1996 an dieser besonderen Aufführung mit, darunter Colm Wilkinson, Philip Quat, Ruthie Henschall, Jenny Galloway, Alun Armstrong, Lea Salonga, Michael Ball, Michael Maguire, Judy Kuhn, Anthony Crivello, Adam Searles und Hannah Chick sowie das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von David Charles Abell:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
Handlung
Prolog
1815, Toulon und Digne
Nach 19 Jahren Haft wird Jean Valjean auf Bewährung entlassen. Die ersten fünf Jahre verbüßte er, weil er ein Brot gestohlen hatte; die anderen 14 Jahre kamen aufgrund mehrerer Fluchtversuche hinzu. Der Aufseher Javert warnt ihn, dass er noch lange nicht frei sei. Valjean muss nun erfahren, was es heißt, vorbestraft zu sein, denn sein gelber Bewährungsschein weist ihn bei jeder Arbeit, die er annimmt, als ehemaligen Sträfling aus. Überall behandelt man ihn wie Abschaum. Nur der Bischof von Digne erweist sich als gütiger Mensch. Seine Barmherzigkeit reicht so weit, Valjean den Diebstahl seines Silbers zu verzeihen und ihn zu beschenken, um Valjean einen Neuanfang zu ermöglichen. Dieser zerreißt den Bewährungsschein und bricht in ein neues Leben auf (Prolog, Valjeans Selbstgespräch).
1. Akt
1823, Montreuil-sur-Mer
Unter dem Namen Monsieur Madeleine hat sich Valjean eine bürgerliche Existenz als Fabrikbesitzer und Bürgermeister aufgebaut. Eine seiner Arbeiterinnen, Fantine, hat ein uneheliches Kind, das sie allein versorgen muss. Als ihr Geheimnis entdeckt wird, wird sie entlassen (Am Ende vom Tag). Ihr sozialer Abstieg endet in der Prostitution (Ich hab’ geträumt vor langer Zeit).
Bei einem Streit mit einem Freier kommt Javert, der inzwischen zum Inspektor aufgestiegen ist, hinzu und verhaftet Fantine. Bürgermeister Madeleine verlangt, dass sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustands in einem Krankenhaus versorgt werden muss (Im Hafen, Leichte Mädels). Als bei einem Unfall ein Mann unter einem Lastenkarren begraben wird, vermag nur Monsieur Madeleine aufgrund seiner ungewöhnlichen Kraft den Verletzten zu befreien. Javert, der den Unfall beobachtet hat, erinnert sich, nur einmal einen solch starken Mann gekannt zu haben: den Sträfling Jean Valjean. Er glaubt jedoch, diesen schon gestellt zu haben (Der Unfall mit dem Karren). Um zu verhindern, dass ein Unschuldiger verurteilt wird, enthüllt Valjean seine wahre Identität und flieht (Wer bin ich?).
Im Krankenhaus verspricht er der sterbenden Fantine, sich um ihre Tochter Cosette zu kümmern. Noch am Totenbett stellt Javert den Flüchtigen. Doch Valjean gelingt die Flucht (Fantines Tod, Der doppelte Schwur).
Montfermeil
Obwohl sie noch ein kleines Kind ist, muss Cosette in der Kaschemme der Thénardiers schuften und die Arbeit verrichten, die für Éponine, die leibliche Tochter der Wirtsleute, zu schmutzig ist (In meinem Schloss gibt’s sowas nicht, Ich bin Herr im Haus). Valjean kauft Cosette den raffgierigen Pflegeeltern ab und flieht mit ihr nach Paris (Der Handel).
1832, Paris
In Paris herrscht große Armut (Die Bettler). Auch die Thénardiers leben mittlerweile dort mit Éponine und deren Bruder Gavroche und halten sich mit Raubüberfällen über Wasser. Opfer ihres jüngsten Überfalls sind ein älterer Mann und seine inzwischen herangewachsene Tochter: Valjean und Cosette. Marius, ein junger Student, eilt ihnen zu Hilfe. Wiederum erscheint Javert, der Valjean jedoch nicht erkennt, und Valjean und Cosette können flüchten (Der Raubüberfall).
Ihr zufälliges Aufeinandertreffen war für Cosette und Marius Liebe auf den ersten Blick. Éponine, die heimlich in Marius verliebt ist, willigt ein, ihm bei der Suche nach Cosette zu helfen. Javert schwört bei den Sternen, dass er nicht aufgibt, bis er Valjean verhaftet hat (Sterne).
ABC-Café
Marius trifft seine Kommilitonen, die sich für die Rechte der armen Bevölkerung einsetzen, in einem Café mit dem doppelsinnigen Namen ABC, der zum einen auf die erzieherische Absicht, andererseits aber auch auf den Gedanken der Solidarität mit den Erniedrigten (frz. "abaissés") hinweist (Das ABC-Café).
Nach dem Eintreffen der Nachricht über den Tod General Lamarques, der als einziger Abgeordneter auf Seiten der Besitzlosen stand, brechen die Studenten unter der Führung von Enjolras auf, um auf der Straße für die Armen zu kämpfen (Das Lied des Volkes).
Rue Plumet
Cosette geht der unbekannte junge Mann nicht mehr aus dem Sinn (Rue Plumet). Sie beginnt, sich Fragen über Valjeans und die eigene Vergangenheit zu stellen. Éponine, die erkannt hat, dass sie bei Marius keine Chancen hat, führt ihn zu Cosette. Im Abseits beobachtet sie, wie Cosette und Marius zueinanderfinden (Mein Herz ruft nach dir). Im letzten Augenblick kann Éponine einen Überfall von Thénardiers Bande auf Valjeans Haus verhindern (Der Überfall in der Rue Plumet).
Erneut wähnt Valjean Javert auf seinen Fersen und beschließt, mit Cosette ins Ausland zu fliehen. Während des Aufstands begibt sich auch Javert als Spitzel unter das Volk. Die Thénardiers mischen sich unter die Aufständischen in der Hoffnung auf reiche Beute (Morgen schon).
2. Akt
Auf den Barrikaden
Marius fürchtet, im Kampf zu fallen und lässt durch Éponine einen Brief an Cosette überbringen (Bau der Barrikade, Nur für mich). Um in Marius’ Nähe zu sein, kehrt Éponine nach ihrem Botengang wieder zu den Barrikaden zurück, wird dort aber angeschossen und stirbt in den Armen von Marius (Regen fällt).
Javert wird als Spitzel enttarnt und von den Studenten gefangen genommen (Der erste Angriff).
Valjean weiß inzwischen von Cosettes Liebe zu Marius und stößt zu den Aufständischen, um Marius zu beschützen. Die Studenten überstellen den gefangenen Javert in Valjeans Hände: Er kann dessen Strafe bestimmen. Valjean schenkt seinem Widersacher die Freiheit (Die Nacht, Bring ihn heim).
Der Aufstand wird schließlich blutig niedergeschlagen, und nur Valjean und der schwer verletzte Marius überleben (Die letzte Schlacht).
In den Abwasserkanälen
Valjean flieht mit dem bewusstlosen Marius in die Kanalisation. Dort treibt Thénardier als Leichenfledderer sein Unwesen und nimmt Marius seinen Ring ab. Ein weiteres Mal hat Javert Valjean aufgespürt, lässt ihn jedoch ziehen, damit Marius in ein Krankenhaus gebracht werden kann (In der Kanalisation).
Für Javert ist eine Welt zusammengebrochen: Valjean, der in seinen Augen immer ein Verbrecher bleiben wird, hat sich ihm gnädig gezeigt. Seines Lebensinhalts beraubt, bleibt ihm nur noch der Tod (Javerts Selbstmord).
Ein Wintergarten
Unter Cosettes Fürsorge wird Marius langsam gesund. Traurig erinnert er sich an seine gefallenen Freunde (Dunkles Schweigen an den Tischen). Valjean bricht sein Schweigen über die Vergangenheit, nimmt Marius aber das Versprechen ab, niemals Cosette etwas davon zu erzählen. Dafür will er sich fortan aus ihrem Leben heraushalten.
1833, Hochzeitsfest
Die Hochzeitsfeier von Cosette und Marius wird von den Thénardiers gestört. Sie wollen Marius mit der Vergangenheit seines Schwiegervaters erpressen. Als Beweis zeigen sie ihm den gestohlenen Ring. Nun erkennt Marius, dass Valjean ihm das Leben gerettet hat (Die Hochzeit, Bettler ans Buffet).
Epilog
Am Ende seines Lebens hat Valjean alle Versprechen eingelöst. Cosette und Marius erfahren nun die Wahrheit über Valjean. Als Vision erscheint das Volk des Aufstandes und erinnert an den Kampf für eine bessere Welt (Epilog, Das Lied des Volkes).
