Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
unser heutiges Musikstück ist wieder einmal der Region verbunden, denn ohne den Harz wäre es wohl nicht entstanden: Die Alt-Rhapsodie op. 53 von Johannes Brahms.
Im November 1777 startet Johann Wolfgang von Goethe seine erste Harzreise, die ihn unter anderem auf den Brocken führt. Künstlerische Frucht des Ausflugs ist die "Harzreise im Winter" - ein Hymnus, in freiem Rhythmus geschrieben. Für Goethe war die Besteigung des Brocken bedeutungsvoll. Nur was sie ihm genau bedeutete, hat die Forschung bis heute nicht entschlüsselt. Bei Johannes Brahms hingegen, der Worte aus der "Harzreise" im Jahr 1869 in seiner "Alt-Rhapsodie" vertonte, ist der persönliche Hintergrund zu dieser Komposition bekannt. Hier zunächst der Text:
Aber abseits wer ist’s?
Im Gebüsch verliert sich der Pfad.
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.
Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eigenen Wert
In ungenügender Selbstsucht
Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!
Einspruch, Widerspruch ist es, der sich mit dem Wort "Aber" ankündigt. Wer einen Satz so beginnt, der hat etwas dagegen. Ein unbedingtes "Aber" ist das erste Wort, das Johannes Brahms in seiner "Alt-Rhapsodie" in den Raum stellt. Es ist zudem ein einsames. Denn die Stimmung, in die die Musik uns bringt, ist ungewiss, vage, zugleich lastend schwer. Die ersten Takte reichen dem Komponisten, um uns aller vermeintlichen Sicherheiten zu berauben, denn die tiefen Streicher setzen mit den Fagotten ein, und sofort grätschen die hohen Streichern mit den Hörnern dazwischen. Ihr Widerspruch ist deutlich. Und die Verwirrung da. Die abwärtsgleitende Bewegung, die nach diesen ersten Tönen einsetzt, ist haltlos. Die Wiederholung macht es nicht besser. Das einsetzende Wandern hat kein erkennbares Ziel - ein instrumentales Vorspiel der Haltlosigkeit, der Orientierungslosigkeit, bis dann die Stimme der Altistin einsetzt.
Brahms vertraut entweder darauf, dass die Hörer Goethes "Harzreise" und die Fragmente daraus kennen. Oder es ist ihm nicht wichtig, weil schon die Musik in eisige, schneidend scharfe Regionen führt. Das vermittelt sich jedenfalls schon, bevor die Worte einsetzen. Und wenn die Altistin zu singen beginnt, steht auf einmal eine menschliche Stimme isoliert in der kalten Landschaft. Der abseits Stehende, fern von aller Gemeinschaft, Wärme, Vertrautheit und Nähe wird von der Öde verschlungen, so der Text. Nur noch die tiefen Streicher skizzieren in leisem Pianissimo so etwas wie einen Boden, in dem die Stimme abtaucht. Diese Musik markiert den Abschluss des ersten von drei Teilen. Denn die "Alt-Rhapsodie" von Brahms ist ähnlich einer barocken dreiteiligen Kantate aufgebaut. Fast rezitativisch der harsche Einstieg, darauf folgt als Teil zwei die Solo-Arie.
Menschenhass ist das Wort, das Brahms die Solistin in diesem Zusammenhang mehrfach wiederholen lässt. Die Einsamkeit des Liebesenttäuschten schlägt um in Verachtung allen anderen gegenüber. "Hier habe ich ein Brautlied geschrieben für die Schumann'sche Gräfin", lässt Johannes Brahms seinen Verleger über das Werk wissen, "aber mit Ingrimm schreibe ich derlei - mit Zorn". Darum also geht es hintergründig in dieser "Alt-Rhapsodie": Johannes Brahms war verliebt, aber Julie Schumann, Tochter von Robert und Clara Schumann, hatte sich anderweitig verlobt.
Der dritte und letzte Teil dieser "Alt-Rhapsodie" bringt einen neuen, berührenden Ton. Nachdem die Solo-Stimme zunächst immer alleine zu hören war, tritt nun der Männerchor dazu. Gemeinschaft wird spürbar. Die Solo-Stimme ist darin aufgehoben. Der Kontrast zu dem oft dissonanten Beginn ist stark und wirkungsvoll. Brahms hat hier die Tonart von Moll zu C-Dur verändert. Die Alt-Rhapsodie endet mit einem sanft pulsierendem, anrührend schönem Choralgesang.
Hier ein Konzertmitschnitt mit Sara Mingardo, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons, aufgezeichnet am 15. August 2014 im Kultur- und Kongresszentrum Luzern:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Berlin
Matthias Wengler
