Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Tanzmusik aus Spanien steht in der heutigen Ausgabe im Mittelpunkt: Der Fandango von Padre Antonio Soler.
Der Fandango ist ein spanischer Tanz, sozusagen der Großvater des Flamenco. Auch in der klassischen Musik des 18. Jahrhunderts war er beliebt. Er drückt Sinnenfreude aus, ist ein musikalisches Spiel von Verführung und Eroberung. Den berühmtesten Fandango schrieb der spanische Mönch Padre Antonio Soler: Ein äußerst virtuoses Cembalo-Stück, von dem es aufgrund seiner Beliebtheit viele Bearbeitungen unterschiedlichster Art gibt.
„Gegen Mitternacht hat sich mir ein entzückendes Schauspiel geboten, als zu den Klängen der Musik und zum Händeklatschen die Paare zu dem tollsten Tanz antraten, den man sich denken kann. Es war der berühmte Fandango. Ich hatte ihn bisher nur in Italien und Frankreich auf der Bühne tanzen sehen, aber die Tänzerinnen hatten sich wohl gehütet, jene Bewegungen zu machen, durch die der Fandango der verführerischste und wollüstigste Tanz der Welt wird. Er lässt sich nicht beschreiben; jedes Paar, Mann und Weib, macht nur drei Schritte und klappert zum Klang der Musik mit den Kastagnetten; dabei aber nehmen sie tausend Stellungen ein und machen Bewegungen von einer unvergleichlichen Sinnlichkeit.“ - Dem Experten für Sinnlichkeit schlechthin, Casanova, verdanken wir diese Beschreibung des Fandango. Sie ist ein authentisches Dokument für die Aura des Erotischen, die den andalusischen Volkstanz, einen Vorläufer des Flamenco, umgab und ihm zum Siegeszug in ganz Europa verhalf - bis hinauf ins sittenstrenge Wien Glucks und Mozarts (Fandango in "Die Hochzeit des Figaro").
Auch die spanischen Cembalisten wetteiferten im Genre des Fandango. Dass Soler Organist des Klosters Escorial bei Madrid war, hört man diesem Stück wahrlich nicht an. Es inszeniert den erotischen Zauber des Tanzes so unbändig, ja geradezu inbrünstig, dass man vermuten könnte, in dem Musiktheoretiker und geistlichen Komponisten Soler habe ein sehr weltlicher Kopf gesteckt.
Der Aufbau entspricht dem traditionellen Muster des Fandango. Auf die langsame Einleitung (Tiento) folgt der eigentliche Fandango, der aus freien Variationen über eine immer gleiche Akkordfolge besteht. Der Reiz liegt hier weniger in der harmonisch-satztechnischen Substanz als vielmehr in der puren Freude am Rhythmus, am virtuosen Applomb und am kapriziösen Einfall. Es ist eine durchaus reizvolle Frage, was aus dieser provokant-primitiven Musik geworden wäre, wenn Johann Sebastian Bach einen Fandango komponiert hätte...
Zwei Versionen stelle ich Ihnen heute zur Auswahl, zunächst die Originalfassung für Cembalo mit Jean Rondeau, der Mitschnitt entstand 2014 im Rahmen des Poznan Baroque Festivals:
Zum Vergleich: Das Ensemble L'Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar, aufgezeichnet 2012 in der Salle Gaveau in Paris:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
