Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
in dieser Ausgabe erwartet Sie das Werk eines russischen Komponisten, das 1931 in Berlin seine Uraufführung erlebte: Das Violinkonzert D-Dur von Igor Strawinsky.
"Ich bin kein Freund der üblichen klassischen Violinkonzerte - auch nicht der von Mozart, Beethoven, Mendelssohn oder Brahms", bekannte Strawinsky einmal. Dass er selbst ein Werk dieser traditionsbehafteten Gattung beisteuerte, ist Paul Hindemith zu verdanken, der ihn zur Komposition eines Violinkonzerts geradezu drängte. Er hielt Strawinsky mit seiner nur oberflächlichen Kenntnis der Geige für äußerst geeignet, um neue Möglichkeiten auszuloten, zu probieren und zu experimentieren. Herausgekommen ist ein ganz besonders eigenwilliger, heiterer Beitrag zur Gattung Violinkonzert, der Strawinskys Bestreben verdeutlicht, alte Formen in neuem Licht darzustellen.
7.000 Dollar verlangte Igor Strawinsky 1931 schließlich vom deutschen Verlagshaus Schott für sein Violinkonzert - eine damals enorme Summe. Strawinsky reizte seinen Marktwert aus, schließlich musste er die Haushaltsführung seiner Ehefrau, seiner Geliebten und seiner Mutter sichern. Der Verleger zahlte, Strawinsky machte sich an die Arbeit, und wir erfreuen uns bis heute an einem ganz besonders eigenwilligen, heiteren Beitrag zur Gattung Violinkonzert.
Nicht nur die einzelnen Satztitel verweisen auf Strawinskys Auseinandersetzung mit der Barockmusik. Auch die Form des Concerto grosso mit einer herausgelösten Concertino-Gruppe oder die kunstvolle Fugentechnik, wie etwa im letzten Satz, wenn der Konzertmeister zum Duo- und Imitationspartner des Solisten wird, fanden Eingang in Strawinskys Violinkonzert. Ungewöhnlich ist auch, dass jeder der vier Sätze mit einem viertönigen Akkord des Solisten anhebt. Auf eine Solokadenz verzichtete Strawinsky und erklärte dies lapidar damit, dass er eben kein Interesse an Geigenvirtuosität habe.
So versammeln sich unter der an Tradition reichen Bezeichnung "Toccata" manche originelle Formenspiele. In den beiden "Aria" genannten Mittelsätzen nimmt sich Strawinsky Raum für eine Art musikalisches Gespräch mit Johann Sebastian Bach. Und im abschließenden "Capriccio" lässt er der übermütigen Spielfreude trotz barocker Anmutung freien Lauf. Unterm Strich ist dieses Violinkonzert ein auf den ersten Blick barockes, mitunter handfestes Virtuosenstück, in dem aber Harmonien und rhythmische Kontraste, die unverkennbar der Moderne entstammen, für manche Überraschung sorgen.
Die Uraufführung des Konzerts am 23. Oktober 1931 hat heute den Status eines historischen Medienereignisses: Es war eine der ersten Live-Übertragungen der Berliner Reichsrundfunkgesellschaft.
Unser heutiger Konzertmitschnitt kommt aus der Hamburger Elbphilharmonie. Am 26. Oktober 2023 musizierte Frank Peter Zimmermann mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Alan Gilbert:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
