Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
das Kirchenjahr endet an diesem Wochenende mit dem Ewigkeitssonntag - die heutige Ausgabe könnte auch ein schöner Schlusspunkt zu dieser Reihe sein. Aber keine Sorge, es geht in der kommenden Woche weiter. Heute erwartet Sie die wohl umfangreichste Musikempfehlung dieser Reihe, die vor wenigen Wochen Musikgeschichte in Leipzig geschrieben hat.
Im Rahmen des Projekts "Gravity Bach" spielte Thomasorganist Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach in einem Durchlauf. In rund 22 Stunden erklangen mehr als 200 Werke, vom frühen Nachmittag des 31. Oktober bis in den Vormittag des Folgetages. Was für eine großartige und gigantische Leistung! Das Konzert in der Thomaskirche wurde weltweit per Livestream übertragen.
Die Abfolge der Werke hatte der renommierte Bach-Forscher Christoph Wolff festgelegt. Sie richtete sich nach dem Ablauf eines Kirchenjahres. Die gut 200 Werke wurden in 14 thematisch gegliederte einzelne Konzerte aufgeteilt. Lang spielte auf der von Gerald Woehl gebauten Bach-Orgel, die im Bach-Jahr 2000 in der Thomaskirche geweiht wurde. In dem Gotteshaus wirkte Bach von 1723 bis 1750 als Kantor.
Für Johannes Lang glich das Konzert einem Marathon, auf den er sich gut vorbereitet hatte. "Diese lange Phase des Wachbleibens und auch in der Konzentration zu bleiben, ist etwas, was man gut trainieren muss", sagte er dem MDR. Er habe zuvor noch einmal einen Testlauf gemacht, insbesondere für die Nachtstunden von 0 Uhr bis zum Ende. "Aber es ist erstaunlich und eben auch das Wunderbare an der Bach'schen Musik, sie trägt einen sehr weit", so der Thomasorganist. Lang hatte sich ein Jahr lang auf das Konzert vorbereitet: "Es gibt Stücke, die man unglaublich viel gespielt hat. Dann gibt es Stücke, die man eher weniger gespielt hat. Und da einen Standard herzustellen, dass man sich wohlfühlt, das ist eigentlich die Hauptaufgabe", erzählte der Musiker und ergänzte: "Für mich war das wunderbar, weil man so tief eintaucht in diese Musik und die Vielschichtigkeit seines Orgelwerks."
An Schlaf war während des für 22 Stunden angesetzten Projekts "Gravity Bach" nicht zu denken. Das Konzert wurde aber in Abschnitte von jeweils etwa 70 bis 80 Minuten eingeteilt. Diese Pausen waren fürs Essen oder einen Toilettengang vorgesehen, so der Thomasorganist, und auch seine Physiotherapeutin Elke Blase konnte ihm "nochmal ein bisschen auf die Sprünge helfen". Sie hatte bei ihm bereits im Vorfeld potentielle Fehlhaltungen korrigiert und die für den Orgel-Marathon nötigen Muskelgruppen aktiviert, beispielsweise durch Massage.
Während des Bach-Marathons verwandelte sich der historische Sommersaal des Bach-Museums in ein TV-Studio. Dort sprachen Julia Sophie Wagner und Daniel Hope zwischen den einzelnen Konzerten mit Gästen, darunter Musiker des Gewandhausorchesters und der japanische Bach-Spezialist Masaaki Suzuki. Zudem übersetzten fünf renommierte Ballett-Ensembles, darunter das Semperoper Ballett, einzelne Orgelwerke in zeitgenössischen Tanz. Parallel dazu begleiteten die Übertragungskameras sechs internationale bildende Künstler, die während des Marathons in Echtzeit neue Werke schufen - inspiriert von den Klängen aus der Thomaskirche. Außerdem wurden Live-Bilder der Erde von der Internationalen Raumstation ISS eingeblendet. Im Rahmen des Projekts "Gravity Bach" sollte so deutlich werden: Die Musik von Johann Sebastian Bach vermag es, Menschen über alle Grenzen hinweg zu verbinden.
Hier der gesamte Marathon, aufgeteilt in vier Teile:
www.arte.tv/de/videos/128075-002-A/gravity-bach-der-orgelmarathon
www.arte.tv/de/videos/128075-003-A/gravity-bach-der-orgelmarathon
www.arte.tv/de/videos/128075-004-A/gravity-bach-der-orgelmarathon
www.arte.tv/de/videos/128075-005-A/gravity-bach-der-orgelmarathon
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
