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03.03.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 898

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

ein Werk von Ludwig van Beethoven erwartet Sie zu Beginn der neuen Kalenderwoche: Die Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90.

Diese Sonate wurde im Sommer 1814 komponiert, kurz nach der endgültigen Fassung des "Fidelio"; das Autograph ist auf den 16. August 1814 datiert. Der Entstehungsanlass ist unklar. Als sie im folgenden Jahr erschien, trug sie eine Widmung an den Grafen Moritz Lichnowsky, der jedoch keinen Kompositionsauftrag erteilt hatte, denn Beethoven sagte ihm, dass die Widmung eine Überraschung habe sein sollen. Sicher hatte der Graf Beethoven in irgendeiner Weise unterstützt, und die Widmung war eine Dankesgeste. Glaubt man Anton Schindler, so sollte die Sonate die Liebe des Grafen zu seiner zweiten Frau kurz nach dem Tod seiner ersten schildern; die Sätze sollten für den „Kampf zwischen Kopf und Herz“ und „Conversation mit der Geliebten“ stehen. Doch ist Schindler bekannt dafür, sich solche Geschichten auszudenken, und hier liegt der Fall klar: Als die Sonate komponiert wurde, lebte die erste Frau des Grafen noch.

Die Sonate entstand kurz nach der Niederlage Napoleons, und durch Beethovens Wien wehte ein starker patriotischer Geist. Vielleicht notierte er Tempo und Charakter der Sätze deswegen auf Deutsch. Die Bezeichnung des ersten lautet: „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“, die des zweiten „Nicht zu geschwind und sehr singbar vorgetragen“.

Der erste Satz steht wie üblich in Sonatenform, ist jedoch eher knapp gehalten; die Exposition wird nicht wiederholt. Die Grundhaltung ist lyrisch, und das erste Thema findet einen sehr klaren Abschluss, der unverändert auch den ganzen Satz beschließen wird. Der zweite Satz macht, wie der erste, wenig Gebrauch vom Kontrapunkt und wirkt noch lyrischer; die zärtliche Melodie in E-Dur klingt eher nach Schubert als nach Beethoven. Sie kehrt mehrmals wieder, und die Musik wirkt beinahe beengt von der Form des Sonatenrondos. In der Coda entfaltet sie sich, befreit von den Grenzen der Form, mit größerer Freiheit; doch selbst hier herrscht der zarte, gemächliche Charakter vor, der die gesamte Sonate prägt.  

Drei Pianisten habe ich heute für Sie ausgewählt, zunächst Evgeni Koroliov in einem Mitschnitt vom 20. September 2020 aus dem Konzerthaus Bozen:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Ivo Pogorelich in einem Mitschnitt vom August 1987 aus der Villa Contarini in Piazzola sul Brenta:

www.youtube.com/watch

Und zum Abschluss: Daniel Barenboim mit einem Mitschnitt aus seinem Beethoven-Sonaten-Zyklus vom Juni/Juli 2006 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd