Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
eine Oper aus Frankreich erwartet Sie in der heutigen Ausgabe - die literarische Vorlage stammt jedoch aus Deutschland: "Werther" von Jules Massenet.
Das lyrische Drama „Werther“ nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigem Briefroman ist bis heute Jules Massenets bekanntestes Bühnenwerk. Doch während die tragische Liebesgeschichte des Titelhelden den Dichter 1774 international bekannt machte, brauchte Massenets Oper mehrere Anläufe zum Erfolg. In „Die Leiden des jungen Werther“ verarbeitete Goethe sowohl eine eigene unglückliche Liebesbeziehung als auch die eines Freundes, die mit dessen Selbstmord endete - nicht ahnend, dass sich gerade durch den tragischen Schluss des Romans mehrere unglücklich verliebte Männer angeregt fühlten, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Im Entstehungsort Wetzlar fasste Jules Massenet 1886 den Entschluss, „Werther“ zu vertonen. An der Pariser Opéra Comique als „reizlos“ abgelehnt, kam das Stück erst 1892 an der Wiener Hofoper heraus. Von dort eroberte es sämtliche großen Bühnen.
In seinen Erinnerungen stellt Jules Massenet den Verleger und Librettisten Georges Hartmann als die treibende Kraft hinter "Werther" dar. Die beiden hatten 1885
gemeinsam die für Massenet so wichtige "Parsifal"-Aufführung in Bayreuth besucht und waren anschließend in verschiedene deutsche Städte gereist, so auch nach Wetzlar. Dort hatte Hartmann Massenet auch eine französische Übersetzung von Goethes Briefroman überreicht. Für das Projekt von Massenets Vertonung des Stoffes ging Hartmann sehr weit, wie der Komponist beschreibt: "Er sprach ein vorzügliches Deutsch, er las Goethe im Original, er schätzte die deutsche Seele, und so
legte er großen Wert darauf, dass ich mich endlich mit diesem Werk befasste. Als man mir eines Tages vorschlug, eine lyrische Oper zu "La vie de Bohème" von
Murger zu schreiben, verantwortete er es, ohne mich im geringsten zu befragen, diese Arbeit abzulehnen."
Besonders in Frankreich war Goethe ausgesprochen beliebt. Massenet schuf seine Oper in enger Anlehnung an die Vorlage: Werther liebt die junge Charlotte, doch diese ist schon mit Albert verlobt und will, trotz ihrer Zuneigung zu Werther, an ihrem Versprechen festhalten - der Beginn einer ausweglosen Liebe. Während bei Goethe Charlottes Liebe zu Werther rein platonischer, fast geschwisterlicher Natur ist, bauen Massenet und sein Librettist ihre Gefühle zur wahren romantischen Liebe aus, die sie sich allerdings erst im Angesicht des Todes eingestehen kann. Entstanden im Zeitalter tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche, rückt Massenet die Individualität des Menschen durch eine fast zur Gefühlsreligion gesteigerte Emotionalität ins Zentrum. Wie auch bei Goethe sind in Massenets Oper Depression und Enthusiasmus untrennbar miteinander verwoben. Massenet hat mit seinem Drame lyrique ein Musikdrama von hoher, unausweichlicher Emotionalität und eine der schönsten romantischen Partituren erschaffen.
Zu unserem heutigen Mitschnitt: Andrei Serbans 2005 entstandene Inszenierung an der Wiener Staatsoper verlegt die Handlung in behutsamer Weise in die 1950er Jahre. Auf der Bühne von Peter Pabst entwickelt sich die Handlung unter, um und in dem großen Baum im Zentrum. Die in seiner Krone sichtbar wechselnden
Jahreszeiten bilden unübersehbar das in "Werther" so wichtige Thema der vergehenden Zeit ab. Was Andrei Serban an dem Werk faszinierte, waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich hinter der Fassade der oberflächlich-sentimentalen Liebesgeschichte verbergen.
Die Besetzung: Marcelo Alvarez (Werther), Elina Garanca (Charlotte), Adrian Eröd (Albert), Alfred Sramek (Le Bailli), Ileana Tonca (Sophie), Marcus Pelz (Johann), Peter Jelosits (Schmidt), Gabirella Bessenyei (Käthchen), Clemens Unterreiner (Brühlmann) sowie Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Philippe Jordan:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
Handlung
1. Akt
Mitten im Hochsommer probt der verwitwete Amtsmann mit seinen noch minderjährigen Kindern Weihnachtslieder.
Werther, der zu Besuch kommt, gerät über die wunderbare Natur ins Schwärmen. Als er die große Liebe sieht, die die Kinder ihrer Schwester Charlotte entgegenbringen, der einzigen erwachsenen Tochter des Amtmanns, ist er tief beeindruckt. Mit Charlotte allein geblieben, gesteht er ihr seine Liebe. Doch Charlotte weicht ihm aus und weist ihn auf einen Schwur hin, den sie ihrer sterbenden Mutter geleistet hatte: Albert, ihren Verlobten, zu heiraten. Da trifft die Nachricht ein, dass Albert zurückgekehrt ist. Werther bleibt verzweifelt zurück.
2. Akt
Einige Monate nach der Hochzeit von Albert und Charlotte kommt es zu einer Aussprache zwischen den beiden Rivalen. Doch Albert scheint Werther die frühere Leidenschaft zu verzeihen. Kaum sind Charlotte und Werther allein, beteuert er ihr gegenüber jedoch erneut seine Liebe. Charlotte weist ihn abermals zurück und erlaubt ihm erst zur Weihnachtszeit das nächste Wiedersehen. Werther flieht und lässt Sophie, die 15-jährige Schwester Charlottes, weinend zurück. Sie hat sich unglücklich in ihn verliebt.
3. Akt
Am Weihnachtstag liest Charlotte, die nun ebenfalls Werther zugetan ist, seine Briefe. Eine darin enthaltene Selbstmorddrohung lässt sie erschrecken.
Als Sophie hinzukommt und von Werther spricht, bricht Charlotte in Tränen aus. Als sie wieder allein ist, kommt Werther ganz unerwartet zu ihr. Er fordert einen Kuss, den ihm Charlotte aber verweigert. Daraufhin verlässt Werther Charlotte und schickt Albert einen Brief, in dem er ihn um seine Pistole bittet, die dieser ihm auch schicken lässt.
4. Akt
Als Charlotte die Selbstmordabsichten Werthers bewusst werden, begibt sie sich auf die Suche nach ihm. Doch sie trifft ihn nur mehr sterbend an. Jetzt, wo alles zu spät ist, bekennt sie ihm ihre Liebe. Im Hintergrund singen die Kinder jenes Weihnachtslied, das sie im Sommer einstudiert hatten.
