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Musik in schwierigen Zeiten Ansicht

13.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 965

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

eine Oper aus Frankreich erwartet Sie in der heutigen Ausgabe - die literarische Vorlage stammt jedoch aus Deutschland: "Werther" von Jules Massenet.

Das lyrische Drama „Werther“ nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigem Briefroman ist bis heute Jules Massenets bekanntestes Bühnenwerk. Doch während die tragische Liebesgeschichte des Titelhelden den Dichter 1774 international bekannt machte, brauchte Massenets Oper mehrere Anläufe zum Erfolg. In „Die Leiden des jungen Werther“ verarbeitete Goethe sowohl eine eigene unglückliche Liebesbeziehung als auch die eines Freundes, die mit dessen Selbstmord endete - nicht ahnend, dass sich gerade durch den tragischen Schluss des Romans mehrere unglücklich verliebte Männer angeregt fühlten, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Im Entstehungsort Wetzlar fasste Jules Massenet 1886 den Entschluss, „Werther“ zu vertonen. An der Pariser Opéra Comique als „reizlos“ abgelehnt, kam das Stück erst 1892 an der Wiener Hofoper heraus. Von dort eroberte es sämtliche großen Bühnen.

In sei­nen Er­in­ne­run­gen stellt Jules Mas­se­net den Ver­le­ger und Li­bret­tis­ten Ge­or­ges Hart­mann als die trei­ben­de Kraft hin­ter "Werther" dar. Die bei­den hat­ten 1885 
ge­mein­sam die für Mas­se­net so wich­ti­ge "Parsifal"-Auf­füh­rung in Bay­reuth be­sucht und wa­ren an­schlie­ßend in ver­schie­de­ne deut­sche Städ­te ge­reist, so auch nach Wetz­lar. Dort hat­te Hart­mann Mas­se­net auch ei­ne fran­zö­si­sche Über­set­zung von Goe­thes Brief­ro­man über­reicht. Für das Pro­jekt von Mas­se­nets Ver­to­nung des Stof­fes ging Hart­mann sehr weit, wie der Kom­po­nist be­schreibt: "Er sprach ein vor­züg­li­ches Deutsch, er las Goe­the im Ori­gi­nal, er schätz­te die deut­sche See­le, und so 
leg­te er gro­ßen Wert dar­auf, dass ich mich end­lich mit die­sem Werk be­fass­te. Als man mir ei­nes Ta­ges vor­schlug, ei­ne ly­ri­sche Oper zu "La vie de Bohème" von 
Mur­ger zu schrei­ben, ver­ant­wor­te­te er es, oh­ne mich im ge­rings­ten zu be­fra­gen, die­se Ar­beit ab­zu­leh­nen."

Besonders in Frankreich war Goethe ausgesprochen beliebt. Massenet schuf seine Oper in enger Anlehnung an die Vorlage: Werther liebt die junge Charlotte, doch diese ist schon mit Albert verlobt und will, trotz ihrer Zuneigung zu Werther, an ihrem Versprechen festhalten - der Beginn einer ausweglosen Liebe. Während bei Goethe Charlottes Liebe zu Werther rein platonischer, fast geschwisterlicher Natur ist, bauen Massenet und sein Librettist ihre Gefühle zur wahren romantischen Liebe aus, die sie sich allerdings erst im Angesicht des Todes eingestehen kann. Entstanden im Zeitalter tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche, rückt Massenet die Individualität des Menschen durch eine fast zur Gefühlsreligion gesteigerte Emotionalität ins Zentrum. Wie auch bei Goethe sind in Massenets Oper Depression und Enthusiasmus untrennbar miteinander verwoben. Massenet hat mit seinem Drame lyrique ein Musikdrama von hoher, unausweichlicher Emotionalität und eine der schönsten romantischen Partituren erschaffen.

Zu unserem heutigen Mitschnitt: An­drei Ser­bans 2005 ent­stan­de­ne In­sze­nie­rung an der Wiener Staatsoper ver­legt die Hand­lung in be­hut­sa­mer Wei­se in die 1950er Jah­re. Auf der Büh­ne von Pe­ter Pabst ent­wi­ckelt sich die Hand­lung un­ter, um und in dem gro­ßen Baum im Zen­trum. Die in sei­ner Kro­ne sicht­bar wech­seln­den 
Jah­reszei­ten bil­den un­über­seh­bar das in "Werther" so wich­ti­ge The­ma der ver­ge­hen­den Zeit ab. Was Andrei Serban an dem Werk faszinierte, waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich hinter der Fassade der oberflächlich-sentimentalen Liebesgeschichte verbergen. 

Die Besetzung: Marcelo Alvarez (Werther), Elina Garanca (Charlotte), Adrian Eröd (Albert), Alfred Sramek (Le Bailli), Ileana Tonca (Sophie), Marcus Pelz (Johann), Peter Jelosits (Schmidt), Gabirella Bessenyei (Käthchen), Clemens Unterreiner (Brühlmann) sowie Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Philippe Jordan:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler


Handlung

1. Akt
Mit­ten im Hoch­som­mer probt der ver­wit­we­te Amts­mann mit sei­nen noch min­der­jäh­ri­gen Kin­dern Weih­nachts­lie­der.
Wer­ther, der zu Be­such kommt, ge­rät über die wun­der­ba­re Na­tur ins Schwär­men. Als er die gro­ße Lie­be sieht, die die Kin­der ih­rer Schwes­ter Char­lot­te ent­ge­gen­brin­gen, der ein­zi­gen er­wach­se­nen Toch­ter des Amtmanns, ist er tief be­ein­druckt. Mit Char­lot­te al­lein ge­blie­ben, ge­steht er ihr sei­ne Lie­be. Doch Char­lot­te weicht ihm aus und weist ihn auf ei­nen Schwur hin, den sie ih­rer ster­ben­den Mut­ter ge­leis­tet hat­te: Al­bert, ih­ren Ver­lob­ten, zu hei­ra­ten. Da trifft die Nach­richt ein, dass Al­bert zu­rück­ge­kehrt ist. Wer­ther bleibt ver­zwei­felt zu­rück.

2. Akt
Ei­ni­ge Mo­na­te nach der Hoch­zeit von Al­bert und Char­lot­te kommt es zu ei­ner Aus­spra­che zwi­schen den bei­den Ri­va­len. Doch Al­bert scheint Wer­ther die frü­he­re Lei­den­schaft zu ver­zei­hen. Kaum sind Char­lot­te und Wer­ther al­lein, be­teu­ert er ihr ge­gen­über je­doch er­neut sei­ne Lie­be. Char­lot­te weist ihn aber­mals zu­rück und er­laubt ihm erst zur Weih­nachts­zeit das nächs­te Wie­der­se­hen. Wer­ther flieht und lässt So­phie, die 15-jäh­ri­ge Schwes­ter Char­lot­tes, wei­nend zu­rück. Sie hat sich un­glück­lich in ihn ver­liebt.

3. Akt
Am Weih­nachts­tag liest Char­lot­te, die nun eben­falls Wer­ther zu­ge­tan ist, sei­ne Brie­fe. Ei­ne dar­in ent­hal­te­ne Selbst­mord­dro­hung lässt sie er­schre­cken.
Als So­phie hin­zu­kommt und von Wer­ther spricht, bricht Char­lot­te in Trä­nen aus. Als sie wie­der al­lein ist, kommt Wer­ther ganz un­er­war­tet zu ihr. Er for­dert ei­nen Kuss, den ihm Char­lot­te aber ver­wei­gert. Dar­auf­hin ver­lässt Wer­ther Char­lot­te und schickt Al­bert ei­nen Brief, in dem er ihn um sei­ne Pis­to­le bit­tet, die die­ser ihm auch schi­cken lässt.

4. Akt
Als Char­lot­te die Selbst­mord­ab­sich­ten Wer­thers be­wusst wer­den, be­gibt sie sich auf die Su­che nach ihm. Doch sie trifft ihn nur mehr ster­bend an. Jetzt, wo al­les zu spät ist, be­kennt sie ihm ih­re Lie­be. Im Hin­ter­grund sin­gen die Kin­der je­nes Weih­nachts­lied, das sie im Som­mer ein­stu­diert hat­ten.

Beitrag von sd