Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
unser heutiges Musikstück wurde schon oft in dieser Reihe erwähnt, heute steht es (endlich) im Mittelpunkt: Die Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 13 von Sergej Rachmaninow.
15. März 1897, St. Petersburg: Alexander Glasunow dirigiert die Uraufführung von Sergej Rachmaninows erster Sinfonie. Ein Fiasko! Es ist sogar so schlimm, dass sich der Komponist selbst die Ohren zuhält, unmittelbar nach den letzten Akkorden das Theater verlässt und orientierungslos in der Stadt umherirrt.
Sergej Rachmaninow zieht nach der Uraufführung folgendes Fazit: "Die schrecklichste Stunde meines Lebens... - Die Missakkorde entnervten mich… - Ich bin vollkommen überrascht, dass ein so begabter Mensch so schlecht dirigieren kann." Glasunow hat auch nicht gerade sein Herzblut für die Aufführung gegeben. Er mag weder das Werk, noch mag er Rachmaninow. Außerdem, so munkelt man, soll er mal wieder betrunken gewesen sein. Ein gefundenes Fressen für die Presse, die allerdings den Komponisten für das Desaster verantwortlich macht. Da ist von der Hölle die Rede, von krankhaft perverser Harmonik und armseliger thematischer Erfindung. Dabei sind es doch gerade Rachmaninows Themen, die dem Werk seinen ganz eigenen Charakter verleihen: der Anklang ans lateinische "dies irae", das auf die russisch orthodoxe Liturgie zurückgehende motivische Material, durch das alle Sätze miteinander verbunden sind.
Sicher, man hat es mit dem Jugendwerk eines 24-jährigen zu tun, in dem noch Vorbilder wie Peter Tschaikowsky und Richard Wagner durchscheinen. Aber lassen sich Lyrik und mitreißende Leidenschaft, ausgefeilte Polyphonie und Kontrapunktik tatsächlich mit den "sieben Plagen Ägyptens" vergleichen, wie die Kritik urteilt? Für den hochsensiblen Rachmaninow bricht am Abend des 15. März 1897 eine Welt zusammen. Vier Jahre lang wird er keine Note zu Papier bringen, er kämpft mit Depressionen. Im Jahr 1900 begibt er sich schließlich in psychotherapeutische Behandlung, beginnt wieder mit dem Komponieren. Aber die erste Sinfonie nimmt er nie wieder hervor.
Erst als 1944, zwei Jahre nach Rachmaninows Tod, die originalen Orchesterstimmen gefunden werden und man das Werk aus den Stimmen und einem vierhändigen Klavierauszug rekonstruiert, erlebt die Sinfonie eine Renaissance. Rachmaninow, stets voller Selbstzweifel, hätte sicher sein Veto eingelegt. Noch 15 Jahre nach der Uraufführung meinte er jedenfalls: "Wenn es je eine Zeit gab, in der ich Selbstvertrauen hatte, so liegt sie lange zurück. Seit 20 Jahren bin ich in der Behandlung von Doktor Dahl, der mich immer wieder anregt, Mut zu fassen. Aber irgendwann werde ich wohl das Komponieren ganz aufgeben."
Der Psychoanalytiker Nikolaj Dahl war schließlich auch Widmungsträger des Werks, das Rachmaninow aus seiner Krise als Komponist befreite: Sein zweites Klavierkonzert wurde zu seinem vermutlich größten Erfolg.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 16. März 2019 im Amsterdamer Concertgebouw, es spielt das Netherlands Radio Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Stanislav Kochanovsky:
www.youtube.com/watch
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
