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29.05.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 935

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Musik aus England erwartet Sie an diesem Wochenende: Die Sinfonie Nr. 5 D-Dur von Ralph Vaughan Williams.

Als Ralph Vaughan Williams’ fünfte Sinfonie im Juni 1943 in der Albert Hall zur Uraufführung kam, lag Großbritannien seit fast fünf Jahren in einem Krieg, der mittlerweile den Lebensrhythmus bestimmte. Der schwankte zwischen Angst und Sich-Abfinden. VW (als der er bekannt war) hatte im halb ländlichen Dorking, wo er lebte, seine eigene Kriegszeiten-Routine entwickelt. Er diente auf Freiwilligenbasis als Brandwart und „grub für den Sieg“, wie die Kampagne hieß, in deren Rahmen Menschen in ihren Gärten Obst und Gemüse anbauten, um sicherzustellen, dass es für alle genügend zu essen gab. Vaughan Williams baute Karotten an, die sich bei der Ernte als entsetzlich entstellt erwiesen, sodass er sich (nach Auskunft seiner späteren zweiten Frau Ursula) verpflichtet fühlte, sie mit dem Messer in eine „annehmbare Form“ zu bringen, damit sie nicht „die Köchin demoralisierten“.

Andere Aspekte seines Lebens folgten weniger einer Routine. So setzte er sich dafür ein, dass die Musik inmitten des Kriegs nicht unterging. In eben der Woche, in der seine neueste Sinfonie Premiere feierte, sagte er vor Gericht zu Gunsten von Michael Tippett aus, der angeklagt war, weil er sich als Pazifist jeder Kriegsarbeit verweigerte. Vaughan Williams erklärte, er sei selbst zwar kein Pazifist, respektiere aber Tippetts Ansichten und halte ihn für einen „nationalen Gewinn“. Es nützte nichts: Tippett wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der Vorfall führt aber beispielhaft Vaughan Williams’ mit umfassender Menschlichkeit gepaarte Prinzipientreue vor Augen. Und auf ihre Art tut die fünfte Sinfonie das auch.

Angesichts der Umstände erwarteten die Zuhörer etwas Kriegerisches, das vor Konflikten und emotionalem Aufruhr brodelte, doch im Gegenteil, das Werk war nachdenklich, geheimnisvoll, sein Blick richtete sich über den Krieg hinaus, und zwar auf eine Weise, die einige Hörer rasch erkannten - etwa der Dirigent Adrian Boult, der dem Komponisten schrieb: die „abgeklärte Schönheit des Werks zeigt uns auf eine Art, wie es nur der Musik gelingt, worum wir uns bemühen müssen, wenn dieser Wahnsinn vorbei ist.“

Ausgangspunkt dieser Idee, über die Wirren hinauszublicken, war ein Buch, das Vaughan Williams schon sehr lange faszinierte: John Bunyans "The Pilgrim’s Progress" (Pilgerreise zur seligen Ewigkeit) aus dem 17. Jahrhundert. Diese christliche Allegorie beschäftigte seine musikalische Vorstellungskraft bereits seit vielen Jahrzehnten, in denen er mit Unterbrechungen immer wieder an einer weitläufigen Oper danach arbeitete. Doch im Lauf der Zeit erwies sich die Oper zunehmend als nicht realisierbar. Dieses Scheitern führte um 1937/38 zu einer Krise, bei der der Komponist eine umfassende Kreativitätsblockade erlitt.

Er zog sich in ein Cottage in Wiltshire zurück, nahm sich eine Auszeit vom Komponieren und studierte die Musik von Jean Sibelius - was seinen Stil zwar nicht nachhaltig beeinflusste, sich aber doch als so nützlich erwies, dass er beschloss, seine nächste Sinfonie, die Fünfte, dem finnischen Meister als „Vorbild, dem nachzueifern sich lohnt“ zu widmen. Als Vaughan Williams 1938 mit der Arbeit an der Sinfonie begann, beschloss er zudem, Material aus der Oper "The Pilgrim’s Progress" darin aufzunehmen; die betrachtete er mittlerweile als vergebliche Liebesmühe und stellte die Arbeit daran ein, da das Werk ohnehin nie fertig werden würde.

Wie die Zeit erwies, wurde die Oper doch abgeschlossen, und Musik aus ihr floss nur in beschränktem Maße in die Sinfonie ein, insbesondere in den dritten Satz, vor dem im Originalmanuskript ein Zitat des Autors John Bunyan steht, in dem der Pilger über die Glaubensreise sinniert und sagt: „Er gab mir Kraft durch sein Leiden und Leben durch seinen Tod.“ Vor der Drucklegung wurden diese Worte aber getilgt, Vaughan Williams betonte, die Sinfonie als Ganzes habe „keinerlei dramatische Verbindung zur Allegorie Bunyans“; sie sollte rein als abstraktes Werk gehört werden. Doch es lässt sich nicht leugnen, dass sie stimmungsmäßig doch einiges mit der Oper "The Pilgrim’s Progress" gemein hat, nämlich als Werk visionärer Sehnsucht, dem Streben nach einem Ideal. Und dieses Streben beginnt unmittelbar in den fernen Hornrufen, die den ersten Satz, Preludio, einleiten.

Geheimnisvoll, aber lockend hinterfragen sie das D-Dur, die ausgezeichnete Tonart der Sinfonie, indem sie über einem gehaltenen C in den Celli und Bässen schweben, und das in einer Tonartvorzeichnung, die wie G-Dur aussieht. Wir bewegen uns durch den Nebel einer unbestimmten Klangwelt, und auch wenn sich der Nebel schließlich in triumphierenden Kadenzen auflöst, die an die Hallelujas in Vaughan Williams’ gefeiertem Kirchenlied „Sine Nomine“ („For All The Saints“) erinnern, ist der Triumph vergänglich, wieder erklingen die fernen Hörner. 

Das Scherzo, der zweite Satz, ist von einer spritzigen Geschäftigkeit, die aus Material heraus entsteht, welches wie Flüstern klingt, wie durch geschlossene Türen; nie wird es vollständig gehört oder verstanden. Doch es ebnet den Weg für die langsame Romanza des dritten Satzes, deren leidenschaftliche Intensität - mit einer erhebenden Melodie für das Englischhorn vor gehaltenen Streicherakkorden - das Herz der Sinfonie darstellt. Der vierte Satz, Passacaglia, führt sie ekstatisch zu ihrem offensichtlichen Ziel, der Rückkehr der zu Beginn gehörten Hornrufe, nun aber mit einer stärkeren Verankerung in D-Dur, die eine würdevolle Coda ankündigen. Die besagt: „Ja, die Reise ist vollbracht.“

Viele der Zuhörer von 1943 gingen davon aus, dass damit auch Vaughan Williams’ sinfonisches Schaffen vollbracht war; nach den Maßgaben der damaligen Zeit war er ein alter Mann. Doch weit gefehlt, er hatte erst gut die Hälfte seines sinfonischen Schaffens geschrieben: In einer beeindruckenden Blüte später Kreativität folgten noch weitere vier Sinfonien.

"Ich glaube, dass keine große Musik entsteht, indem sie die Traditionen bricht, sondern indem sie ihr etwas hinzufügt. Sibelius hat uns gezeigt, dass der neue Gedanken, der im alten Material verborgen liegt, unerschöpflich ist", hatte Vaughan Williams viele Jahre nach dem Krieg, 1955 im "Daily Telegraph", geschrieben. Er allerdings schien mit seiner schön klingenden, fein gezeichneten Musik, die voller farbiger Details ist, der Moderne zu trotzen. Sibelius war als Komponist bereits Ende der 1920er Jahre nicht nur angesichts der eigenen Schwermütigkeit verstummt. "Ich habe soviel Musik in meinem Kopf, dass ich weiß, ich werde nie die Zeit haben, sie niederzuschreiben", schrieb Vaughan Williams und hinterließ neun Sinfonien. Er suchte weiterhin das Neue im Alten. Wie auch in der fünften Sinfonie schon, die er dem geschätzten Kollegen gewidmet hatte: "Ohne Einwilligung Jean Sibelius gewidmet“, heißt es zu Beginn der fünften Sinfonie.

Zwei Mitschnitte des Werkes habe ich heute für Sie ausgewählt, zunächst mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Sir Andrew Davis, Dirigent, aufgezeichnet am 13. Mai 2016 in der Alten Oper Frankfurt:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Das Oslo Philharmonic unter der Leitung von Vasily Petrenko, aufgezeichnet am 6. Mai 2021 im Konzerthus Oslo:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Überlingen

Matthias Wengler

Beitrag von sd