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07.04.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 912

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

für die heutige Ausgabe am Karfreitag habe ich das Stabat Mater von Francis Poulenc ausgewählt.

Es gehört zu den bedeutendsten geistlichen Kompositionen des 20. Jahrhunderts und zeigt Poulencs tiefe spirituelle Ausdruckskraft in Verbindung mit seiner charakteristischen Musiksprache - einer Mischung aus Klarheit, Melancholie und feinem, manchmal auch überraschendem Humor. Das Werk, das 1950 komponiert wurde, basiert auf dem mittelalterlichen Gedicht "Stabat Mater dolorosa", das das Leid der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes Jesus Christus schildert. Poulenc vertonte alle zwölf traditionellen Strophen des lateinischen Textes, unterteilt in zwölf kurze Sätze, die zwischen tiefem Ernst, kontemplativer Stille und strahlender Hoffnung changieren. Die Komposition entstand aus einem persönlichen Schicksal heraus: Der Tod seines Freundes Christian Bérard im Jahr 1949 veranlasste Poulenc, über ein Requiem nachzudenken. Schließlich entschied er sich für das Stabat Mater und begann die Arbeit daran während einer Pilgerreise zur Schwarzen Madonna im französischen Rocamadour - ein Ort, der bereits Jahre zuvor seine Rückkehr zum Glauben geprägt hatte.

Poulencs Vertonung zeichnet sich durch eine klare formale Struktur und eine ökonomische, aber effektvolle Orchesterbehandlung aus. Der Chor agiert oft homophon, während einzelne Sätze auch durch dramatische Kontraste oder expressive Solopassagen (insbesondere im Sopran) geprägt sind. Die Harmonik bewegt sich zwischen tonaler Klarheit und modalen Einfärbungen, wobei Poulenc auch moderne Dissonanzen sparsam, aber gezielt einsetzt. Trotz des ernsten Inhalts vermeidet Poulenc Pathos. Stattdessen dominiert eine Haltung stiller Andacht und tief empfundener Emotion. Der abschließende Satz „Quando corpus morietur“ schließt das Werk mit einer atmosphärischen Ruhe und Hoffnung ab - ein musikalisches Gebet für Trost und Erlösung.

Poulencs Stabat mater erlebte seine Uraufführung am 13. Juni 1951 beim Strasbourg Festival und eroberte sich rasch einen vorderen Platz im internationalen Chorrepertoire.

Unser heutiger Mitschnitt stammt aus dem Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals 2023; am 24. Juni musizierten im Kloster Eberbach Vannina Santoni, der MDR-Rundfunkchor und das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen besinnlichen Karfreitag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd