Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute haben die Streichinstrumente das Wort - im Mittelpunkt steht das Concerto for Strings von Paul Ben-Haim.
Musikgeschichte und Tradition waren der feste Boden, auf dem der Komponist Paul Ben-Haim zeitlebens stand. Gefragt, wie angehenden Musikerinnen und Musikern ein zeitgemäßer Stil zu vermitteln sei, antwortete er: "Ich bin fest überzeugt, dass ein Lehrer - überall und zu jeder Zeit - seinen Schülern die tradierte Theorie weiterzugeben hat, eingehend und ohne Abkürzungen." Damit war Ben-Haim ein Künstler, dem Extravaganz, revolutionärer Anspruch oder grandiose Selbstinszenierung stets zuwider waren. Auch wenn sein Leben von einschneidenden Ereignissen und kreativen Neuorientierungen durchzogen war, lässt sich Ben-Haims künstlerische und persönliche Entwicklung als kontinuierlicher Prozess verstehen, der eher von Übergängen als von Zäsuren geprägt war und dessen wesentlichstes Merkmal weniger die Differenz zwischen Alt und Neu als vielmehr deren gemeinsame Schnittmenge war.
Paul Ben-Haim wurde 1897 in München als Paul Frankenburger geboren. Er stammte aus einem liberalen, assimilierten jüdischen Elternhaus, sein Vater Heinrich Frankenburger war erfolgreicher Rechtsanwalt und langjähriges Vorstandsmitglied der Münchner Jüdischen Gemeinde, seine Mutter Anna war die Tochter einer Bankiersfamilie und talentierte Amateurpianistin. Früh erkannten und förderten sie Pauls musikalische Talente. Ab 1915 studierte er an der Akademie der Tonkunst in München Klavier, Dirigieren und Komposition, bevor er schon ein Jahr später zum Militärdienst eingezogen wurde. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs setzte er seine Ausbildung an der Münchner Musikhochschule fort, die er 1920 mit Bestnoten abschloss.
Neben Stationen als Korrepetitor und Kapellmeister in München und Augsburg etablierte sich Frankenburger in den 1920er Jahren als Komponist und erlangte auch überregional Bekanntheit. Bereits in dieser Zeit formierte sich sein Personalstil, der verschiedenste Einflüsse miteinander verschmolz: Zum einen orchestrale Opulenz, motivische Arbeit und eine Vorliebe für die Gattungen Kunstlied, Sonate, Sinfonie und sinfonische Dichtung wie in der deutschen Spätromantik (insbesondere bei Richard Strauss und Gustav Mahler), zum anderen chromatische und rhythmische Schärfen des Expressionismus und modal ausdifferenzierte Harmonik des französischen Impressionismus (vor allem Debussy und Ravel), die nur selten die Grenzen zur Atonalität überschritten. Rückbezüge auf ältere musikalische Schichten und Verfahren, etwa polyphone Satztechniken, Bezugnahmen auf die Gattungen der Suite, des Oratoriums und der Kantate lassen immer wieder Frankenburgers größtes Vorbild, Johann Sebastian Bach, aufscheinen. Ab der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre beschäftigte er sich auf Anregung des Komponisten Heinrich Schalit zunehmend mit jüdischer liturgischer Musik.
1933 war er gezwungen, vor der drohenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu fliehen. Er ließ sich in Palästina nieder und änderte seinen Nachnamen in Ben-Haim ("Sohn Heinrichs"). Seine außerordentlichen musikalischen Fähigkeiten und seine schnelle Anpassungsfähigkeit erlaubten es ihm, sich binnen weniger Jahre eine neue Existenz als Komponist, Dirigent und Hochschullehrer aufzubauen. Mehr noch: Auf der Suche nach einer musikalischen Sprache, die seinen künstlerischen Überzeugungen sowie den Lebensumständen seiner neuen Heimat gerecht wurde, gelangte Ben-Haim in diesen Jahren zu einem Personalstil, der eine ganze Generation junger Musikerinnen und Musiker in Israel prägen sollte.
Dieser Stil zeichnete sich durch die Synthese jüdischer und orientalischer Folklore, die Ben-Haim in Palästina kennenlernte, mit den Techniken europäischer Kunstmusik aus. Mit dieser Stilmischung gelang es ihm, künstlerischen Anspruch und kompositorisches Können mit Allgemeinverständlichkeit zu verbinden, was gleichzeitig seine Bedeutung als einer der profiliertesten Künstler des 20. Jahrhunderts begründet: Als einzigem Vertreter seiner Generation gelang es ihm, sowohl an der Bildung eines israelischen Nationalstils mitzuwirken als auch international als israelischer Nationalkomponist wahrgenommen zu werden. 1972 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Paul Ben-Haim verstarb 1984 in Tel-Aviv.
Ben-Haim vollendete sein Concerto for Strings im Jahr 1947. Stilistisch und formal steht es in der Tradition der barocken Suite, während das melodische Material wiederum häufig in nahöstlicher Folklore wurzelt. Gleichzeitig zählt es aber auch zu Ben-Haims Werken mit stark autobiografischer Bedeutung. Gleich der erste Satz zitiert die Anfangsmelodie seines Oratoriums "Joram", das er im Februar 1933 unter dem unmittelbaren Eindruck der NS-Herrschaft vollendet hatte. Zeitlebens bezeichnete er es als sein Opus magnum und benannte später sogar seinen Sohn danach.
Mit dem Concerto lotete Ben-Haim die gesamten gestalterischen Möglichkeiten des Streichorchesters aus, das er im Vorwort der Partitur als das "vornehmste aller Instrumente" bezeichnete. Mehrstimmigkeit steht Unisonopassagen gegenüber, solistischkonzertierende Stimmen wechseln mit dem vollen Orchester (II. Capriccio). Immer wieder werden einzelne Stimmgruppen zu unterschiedlichen Klangmischungen kombiniert (III. Intermezzo lirico), wechseln liedhafte, rezitativische Melodien mit enorm virtuosen Episoden (IV. Finale). Es entfaltet Ben-Haims gesamte künstlerische Palette, die im letzten Satz durch das Wiedererklingen sämtlicher melodischer Bausteine der vorangegangenen Sätze zu einem euphorischen Finale gesteigert wird.
Hier ein Mitschnitt aus dem Jahr 2022 mit dem Israel Philharmonic unter der Leitung von Lahav Shani:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Hamburg
Matthias Wengler
