Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
ein besonderes Werk aus Tschechien erwartet Sie in der heutigen Ausgabe: Josef Suks Sinfonie Nr. 2 "Asrael".
Ein Trauergesang ohne Worte, eine aus ihrer Zeit herausragende und zugleich völlig unterschätzte Sinfonie: das ist „Asrael“ von Josef Suk. Erst in den letzten Jahren tritt die Bedeutung des 1905 komponierten Werkes und ihres Urhebers ins öffentliche Bewusstsein.
Josef Suk, geboren 1874 - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Geiger, seinem Enkel - ist ein großer Name in der tschechischen Musik zwischen Romantik und Moderne, aber doch viel weniger bekannt als etwa Smetana und Dvořák. Mit letzterem verband Suk eine besondere Beziehung: Dvořák war Suks geliebter (und sehr einflussreicher) Lehrer, aber er war auch sein Schwiegervater. Denn Suk hatte 1898 dessen Tochter Otylka geheiratet - eine glückliche Verbindung, die allerdings in eine Katastrophe mündete: 1904 starb Dvořák überraschend, und noch während Suk eine Trauermusik für ihn komponierte, starb auch dessen Tochter, seine Frau, im Alter von nur 27 Jahren an einer Herzkrankheit. Suk setzte seine Arbeit mit eiserner Disziplin fort, widmete das Werk dem Andenken der beiden Verstorbenen und benannte es nach Asrael, dem Todesengel der islamisch-persischen Mythologie: Asrael ist ein geheimnisvoller Begleiter der Seele vom Diesseits ins Jenseits.
Die einstige Unbefangenheit beim Komponieren aber war dahin. Das große fünfsätzige Stück, das Suk auf Augenhöhe mit den Sinfonien Gustav Mahlers schrieb, erlebte der Komponist selbst nicht als „ein Werk des Schmerzes“, sondern als „ein Werk übermenschlicher Kraft“. Es war der Auftakt zu einem zögerlich entstehenden und von Schwermut erfüllten Spätwerk.
Suk entwickelte eine eigene musikalische Sprache, in welche die Solo-Violine häufig eingebunden ist (hier im beruhigten Mittelteil des Andante). Bewusst griff er die Tradition einer "Schicksalssinfonie" auf, seit Beethovens Fünfter mit der Tonart c-Moll verbunden, die sich am Ende nach Dur lichtet. Mit ihren fünf Sätzen sprengt Suks "Asrael"-Sinfonie den klassischen Rahmen. Vier davon haben feierlich-elegischen Charakter, im Zentrum steht ein gespenstisch fahles, fratzenhaft grelles Scherzo - nicht nur hier wird eine Nähe zu Gustav Mahlers disparater Ausdruckswelt spürbar. Seit ihrer Uraufführung am 3. Februar 1907 im Prager Nationaltheater gilt "Asrael" als Suks bedeutendste Sinfonie und als visionärer Blick in die Zukunft.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand 2014 im Prager Rudolfinum mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von Jiří Bělohlávek:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
