Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Kammermusik von Wolfgang Amadeus Mozart erwartet Sie in der heutigen Ausgabe: Das Klavierquartett Nr. 1 g-Moll KV 478.
Im Jahr 1785 muss Wolfgang Amadeus Mozart wohl im Mehrschichtbetrieb gearbeitet haben: Sechs Streichquartette für Joseph Haydn erscheinen, die Oper "Le nozze di Figaro" ist im Entstehen, das Klavierkonzert Nr. 22 Es-Dur KV 482 geistert in seinem Kopf herum, die "Maurerische Trauermusik" schreibt er nieder, und das erste Klavierquartett in g-Moll KV 478 erscheint.
"Kurz-leicht-popular" - so sollte es sein, das erste Klavierquartett. "Damit es die großbürgerlichen und adeligen Dilettanten eifrig kaufen und in ihren Salons zum Besten geben". Doch Wolfgang Amadeus Mozart blieb weit hinter diesen Erwartungen seines Verlegers Franz Anton Hoffmeister zurück. Das bestellte Quartett war für den Hausmusikgebrauch viel zu anspruchsvoll. Aus Sorge um sein Geld zog der Verleger den Auftrag zurück. Von den drei Mozart'schen Klavierquartetten, die er drucken wollte, kam nur eines bei Hoffmeister heraus. Den Vorschuss schenkte er Mozart, das zweite Quartett überließ er gönnerhaft der Konkurrenz, und ein drittes hat Mozart nie komponiert. Schon allein die Tonart des ersten Klavierquartetts verursachte beim Verleger Bauchgrimmen: g-Moll ist nicht geeignet zur Untermalung bei einem gemütlichen Dinner. Heute ist es kaum mehr vorstellbar - aber das damalige Wiener Publikum konnte sich mit Mozarts g-Moll-Klavierquartett nicht anfreunden. Den dramatischen Charakter vor allem des ersten Satzes war es von diesem Komponisten nicht gewohnt.
Das erste Klavierquartett ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als die sechs Streichquartette, die Mozart seinem Lehrer Joseph Haydn widmete, veröffentlicht wurden und zwei Klavierkonzerte kurz vor der Uraufführung standen. Die Errungenschaften aus diesen beiden gegensätzlichen Gattungen verarbeitete Mozart in seinem ersten Klavierquartett. Der charakteristische Dialog zwischen Solo und Tutti im ersten Satz (Allegro) lässt sofort an die Dramatik eines Konzertsatzes denken. Von Mozarts Klavierkonzerten stehen nur zwei in Moll: Nr. 20 (d-Moll KV 466) und Nr. 24 (c-Moll KV 491). Vergleicht man die beiden Klavierkonzerte mit dem Klavierquartett, fällt der ausdrucksstarke Oktavruf der Dominante zu Beginn auf, dem jeweils eine resignativ fallende Geste folgt. Der schwermütige Grundton des g-Moll-Satzes wird nur wenige Male spielerisch aufgelockert und scheint in direktem Zusammenhang mit der kurz zuvor komponierten Maurerischen Trauermusik c-Moll KV 477 zu stehen.
Der erste Satz ist durch die Wiederholung von Durchführung und Reprise wesentlich länger als die beiden anschließenden Dur-Sätze, die nach diesem dominanten Kopfsatz umso befreiter wirken: Das Andante in B-Dur und das abschließende Rondeau, bei dem die aufgestaute kindliche Freude endlich ausgelebt werden darf.
Zwei Konzertmitschnitte stelle ich Ihnen heute gerne zur Auswahl: Clara-Jumi Kang, Amihai Grosz, Jens Peter Maintz und Sunwook Kim musizierten das Werk am 29. Dezember 2023 im Rahmen des Internationalen Kammermusikfestivals Utrecht im Utrechter TivoliVredenburg:
Zum Vergleich ein Mitschnitt vom Solsberg Festival 2016 mit Alina Pogostkina, Veronika Hagen, Mischa Meyer und Jérôme Ducros:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
