Suche

Musik in schwierigen Zeiten Ansicht

24.03.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 907

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

eine Rarität unter den Cellokonzerten erwartet Sie in der heutigen Ausgabe: Das Cellokonzert c-Moll op. 43 von Mieczysław Weinberg.

Lange Zeit war der Komponist Mieczysław Weinberg so gut wie unbekannt. Erst in den letzten Jahren finden seine Werke mehr und mehr in das Repertoire von Solist:innen, Orchestern und Opernhäusern. Eine Initialzündung war die Uraufführung der Oper "Die Passagierin" 2010 bei den Bregenzer Festspielen. Weinberg, jüdischer Herkunft, wurde in Warschau geboren und studierte auch am dortigen Konservatorium, bevor er 1939 vor dem deutschen Überfall auf Polen in die Sowjetunion nach Minsk floh. Seine Eltern und Schwester hingegen fanden den Tod. Später, beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion, wurde Weinberg von der Roten Armee ins usbekische Taschkent evakuiert. Von dort aus schickte er die Partitur seiner ersten Sinfonie an Dmitri Schostakowitsch, der davon so angetan war, dass er ihn nach Moskau einlud, wo Weinberg sich dauerhaft niederließ.

Sein Stil ist oft mit demjenigen von Schostakowitsch verglichen worden - was zugleich nicht von der Hand zu weisen ist, aber doch auch in die Irre führt. Denn Weinbergs Musik hat stets einen tröstenden Unterton, und bei allen dramatischen Zuspitzungen schimmert immer ein Funken Hoffnung durch.

So auch in seinem 1948 entstandenen Cellokonzert op. 43. Es ist Weinbergs erstes großes Konzert überhaupt. Durch die politischen Verhältnisse in der Sowjetunion war an eine Uraufführung nicht zu denken. Denn als er an dem Werk schrieb, wurde Weinberg - wie Schostakowitsch auch - öffentlich wegen sogenannter "formalistischer Tendenzen" kritisiert. Und nach dem Tod von Diktator Stalin 1953 dauerte es noch einmal vier Jahre, bis das Cellokonzert in der sogenannten Tauwetterperiode der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Es wurde schließlich Anfang 1957 aus der Taufe gehoben, mit dem phantastischen Solisten Mstislaw Rostropowitsch und den Moskauer Philharmonikern unter Samuil Samosud, der etwa auch Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" und dessen "Leningrader" Sinfonie uraufführte. Trotz - oder vielleicht gerade wegen? - der grüblerischen Stimmung des Anfangssatzes hatte Weinbergs Cellokonzert direkt großen Erfolg. Heute zählt es zu seinen meistaufgeführten Stücken.

Hier zunächst ein Mitschnitt mit  Edgar Moreau und dem WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Andris Poga, aufgezeichnet am 23. September 2022 in der Kölner Philharmonie:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Sol Gabetta mit dem Orchestre philharmonique de Radio France unter der Leitung von Mikko Franck, aufgezeichnet am 21. Dezember 2018 im Auditorium de Radio France:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd