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08.12.2025 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 858

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Premiere für einen polnischen Komponisten in dieser Reihe: Heute erwartet Sie das Violinkonzert Nr. 1 op. 35 von Karol Szymanowski.

Karol Szymanowski, noch ein Kind des 19. Jahrhunderts, war immer viel durch (West-)Europa und somit durch die Musikgeschichte gereist - sogar nach Nordafrika verschlug es ihn einmal. Einige Jahre lebte er in Italien und Wien und kehrte erst 1919 nach Polen zurück. Der Neugierige experimentierte gern. Er entwickelte eine Art "polnischen Impressionismus" und hatte um die Jahrhundertwende zur Komponistengruppe "Junges Polen" gehört. Einflüsse von Strawinsky und Ravel waren stets deutlich, oder auch von Skrjabin und Bartók. Nicht immer nahm er es so genau mit den Grenzen der Tonalität.

Mitten im ersten Weltkrieg entstand sein erstes Violinkonzert. Ebenso wie im Fall des Österreichers Alexander von Zemlinsky verwundert es, dass Szymanowski heute eher wenig Beachtung erfährt - im Vergleich zu Gustav Mahler, Richard Strauss, Arnold Schönberg oder Alban Berg. Denn dieses Violinkonzert, das der Komponist selbst beinahe verharmlost als "unerhört fantastisch und überraschend" beschrieb, ist nichts weniger als bahnbrechend. Es läutet eine Zeitenwende ein. Es ist das erste wahrlich moderne Violinkonzert der Musikgeschichte. Das 1916 geschriebene Werk entstand wie die meisten der Violinkompositionen Szymanowskis in enger Zusammenarbeit mit dem Geiger Paul Kochanski, einem engen Freund, der auch die ausgedehnte Kadenz beisteuerte. Mehr und früher als fast jeder seiner Zeitgenossen - mit Ausnahme vielleicht von Prokofjew in seinem ersten Violinkonzert - bricht Szymanowski hier mit tradiertem Stil und hergebrachter Form.

Stilistisch mag das einsätzige Stück irgendwo zwischen Impressionismus und Expressionismus zu verorten sein, die harmonische Struktur ist bis in die Grenzbereiche der Tonalität erweitert. Ein Meisterstück per se ist die für ein Violinkonzert dieser Zeit sehr ungewöhnliche und an Raffinement und Farbigkeit nicht zu überbietende Instrumentierung. Zusätzlich zum großen Orchesterinstrumentarium besetzt Szymanowski zwei Harfen, Klavier, Celesta sowie nicht weniger als sieben verschiedene Perkussionsinstrumente. 

Formal ist es als nur ein Satz, als ein stetes Fließen gestaltet. Zwar lassen sich fünf Abschnitte ausmachen, diese sind aber wohl eher als Phasen einer großen Fantasie zu verstehen: Das Vivace assai beherrscht ein märchenhafter und das Andantino ein leidenschaftlich gesanglicher Ton. Es folgt ein Scherzo, bevor das Konzert mit einem Nachtstück an vierter sowie einem Vivace an fünfter Stelle schließt, welches neben einer Solokadenz eine Rückschau auf die vorigen Abschnitte beinhaltet.

Als Inspiration für das Konzert diente ein Gedicht von Szymanowskis Landsmann Tadeusz Miciński mit dem Titel "Noc majowa" (Mainacht). Und ebenso romantisch gestaltete Szymanowski manche Phase - die große Tradition der virtuosen Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts verwarf er nicht vollends. Er verstand es aber, einen überbordenden Mix aus Impressionismus, Exotismus und Avantgarde zu schaffen, der eben nicht eklektizistisch auseinanderfällt. Und so ist der Grundcharakter bestechend neu: Die Harmonien dieses Individual-Expressionismus entfernen sich unbestreitbar vom tonalen System, das noch weitgehend die Spätromantik Gustav Mahlers und Richard Strauss‘ prägte. Dass das Werk mit einem kaum greifbaren Klangteppich beginnt, über den sich die Violine gesanglich, aber ebenso frei schwebend ausbreitet - und dass es schließlich in hoher Lage zu Tontupfern aus dem Orchester entschwindet, dürfte kein Zufall sein: Was wir hören, ist eine komponierte Offenheit, die das Ziel der ästhetischen Veränderungen nicht fixiert, sondern dem Prozess selbst überlässt.  

Die Uraufführung fand am 1. November 1922 in Warschau unter der  Leitung von Emil Młynarski statt, der Solist war Józef Ozimiński.

Unser heutiger Mitschnitt kommt aus Finnland; Christian Tetzlaff musizierte Szymnowskis erstes Violinkonzert am 10. Mai 2019 im Musiikkitalo mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Susanna Mälkki:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd