Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
willkommen in der diesjährigen Karwoche. Den Auftakt bildet heute ein Werk von Benjamin Britten: Die Sinfonia da Requiem op. 20.
1939 gab der japanische Staat anlässlich des im folgenden Jahr stattfindenden 2600. Jahrestags der Gründung der japanischen Dynastie bei einer Reihe europäischer Komponisten Musikwerke in Auftrag, unter anderem bei Richard Strauss, Jacques Ibert und Ildebrando Pizzetti. Auch der 25-jährige Benjamin Britten, der zu der Zeit in den Vereinigten Staaten lebte und arbeitete, wurde um Teilnahme gebeten. Bei seinem Verleger Ralph Hawkes traf durch Vermittlung des British Council die Bitte um „ein großes Orchesterwerk, eine groß angelegte Sinfonische Dichtung, Sinfonie, Suite, Ouvertüre“ von Britten ein. Das war im September 1939, eben dem Monat, in dem die Feindseligkeiten zwischen Großbritannien und Nazi-Deutschland ausbrachen. Der Komponist willigte gerne ein, machte jedoch von Anfang an klar (zumindest Hawkes gegenüber), dass von ihm keinerlei nationalistisch-patriotische Äußerungen zu erwarten seien. Im Oktober schrieb er Hawkes in Umrissen, was er im Sinn habe: „Ich plane eine kurze Sinfonie - oder ein Sinfonisches Gedicht. Es heißt Sinfonia da Requiem (ziemlich aktuell, aber natürlich werden weder Daten noch Orte genannt!) und klingt mir doch sehr nach dem, was sie sich vorstellen.“
Die Sinfonia da Requiem wurde im Frühjahr 1940 geschrieben und nach Japan geschickt. Es folgten Pläne, dass Britten später im Jahr nach Tokio reisen und der Uraufführung beiwohnen sollte. Allerdings entsprach die Sinfonia zwar zweifellos den Vorstellungen des Komponisten selbst, ging an den Erwartungen der Auftraggeber jedoch völlig vorbei. Nachdem diese die Partitur geprüft hatten, befanden sie, das Werk sei dem Anlass nicht angemessen, und lehnten es ab. Es gab, vielleicht unvermeidbarerweise, Missverständnisse auf beiden Seiten, und es entspann sich ein umfangreicher Austausch von Schriftstücken und Dokumenten. Doch die Japaner blieben bei ihrer Entscheidung, das Werk wurde nicht als Teil der Feierlichkeiten aufgeführt. Die Premiere der Sinfonia da Requiem fand schließlich im März 1941 in New York mit dem New York Philharmonic unter John Barbirolli statt.
Auch die Weltereignisse spielten eine Rolle bei der außergewöhnlichen Geschichte des Werks. Noch während Britten an einer geeigneten Antwort an den Vorsitzenden des beauftragenden Komitees in Tokio saß, verschärften sich die politischen Spannungen zwischen Japan, Amerika und den Alliierten, um im Dezember 1941 schließlich in den Angriff auf Pearl Harbor zu münden. Auch wenn die Sinfonia nominell zum Andenken an Brittens Eltern entstand und einen christlichen Bezugsrahmen hatte (einer der Aspekte, gegen den das Komitee Einwände erhob), greifen ihre Implikationen vor dem Hintergrund von Gewalt und Bedrohung in ihrer Entstehungszeit doch wesentlich weiter. Aus den Briefen des Komponisten aus dieser Zeit geht unmissverständlich hervor, dass das Werk seine persönliche Reaktion auf den in Europa und Übersee tobenden Krieg darstellt. Somit verweist es auf mehr als eine Ebene und ist ein locus classicus der Gegenüberstellung von öffentlicher und persönlicher Aussage eines Künstlers.
Die Abfolge der Sätze langsam-schnell-langsam baut auf einem Tonart-Schema auf, das in den beiden ersten auf d-Moll beruht und im dritten auf D-Dur. Bei Britten folgen die Sätze nicht der vom Requiem bekannten Reihenfolge: Das Lacrimosa, gemeinhin ein Teil des Dies irae, steht hier an erster Stelle, und das Requiem aeternam vom Anfang des überlieferten Requiems findet sich in Brittens Sinfonie am Schluss. Von Anbeginn der rituellen Trauer des Lacrimosa klopft der Tod Schrecken erregend an die Tür; der Satz findet in einem Furor von d-Moll/D-Dur seinen Höhepunkt. Das Dies irae ist einer von Brittens gewaltigsten und virtuosesten Totentänzen und voll dämonischer Wildheit, während der letzte Satz im abgeklärten D-Dur mit einem tröstlichen Wiegenlied aufwartet.
Zwei Konzertmitschnitte stelle ich Ihnen heute zur Auswahl, zunächst mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Lorenzo Viotti, aufgezeichnet am 20. Oktober 2023 im TivoliVredenburg in Utrecht:
Zum Vergleich: Das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Thomas Adès; der Mitschnitt entstand am 17. Juli 2013 im Rahmen der BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
