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22.07.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musikm in schwierigen Zeiten - 958

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

eines der beliebtesten Werke von Frédéric Chopin steht in der heutigen Ausgabe im Mittelpunkt: Die Barcarolle Fis-Dur op. 60.

In den letzten Jahren seines kurzen Lebens erreichte Chopin eine neue Qualität seines kreativen Erfolgs. Seine Skizzen dieser Jahre deuten darauf hin, dass das Komponieren eine Qual für ihn war und einen Widerstand in ihm hervorrief, von dem er sich nur befreien konnte, wenn seine Musik ein außergewöhnliches, transzendentales Niveau erreichte. Dies wird in den drei großen Werken von 1845–46 besonders deutlich: die Barcarolle op. 60, die Polonaise-Fantasie op. 61 und die Cellosonate op. 65. 

Als er seine einzige Barcarolle komponierte, waren künstlerische Annäherungen an dieses populäre Genre (praktisch ein Gondoliere-Lied) hauptsächlich in der Oper zu finden. Es gab auch einige Beispiele in Liedern (wie zum Beispiel in Schuberts "Auf dem Wasser zu singen" und "Auf dem See") und ein paar post-klassische, populäre Klavierwerke (darunter eine Reihe von Mendelssohns Liedern ohne Worte, die jeweils den Titel „Venezianisches Gondellied“ tragen). Klavierwerke mit diesem Titel hatten jedoch ausnahmslos eine einfache Anlage und Struktur und waren zumeist direkte Übertragungen aus dem Operngenre. So stellte Chopins monumentales Werk mit seiner komplexen Anlage im Klavierrepertoire der damaligen Zeit eine völlige Neuheit dar, die später freilich von Komponisten wie Liszt, Fauré und vielen anderen nachgeahmt wurde.

Die Barcarolle ist eine einzigartige Synthese aus dreiteiliger Form, Sonatenhauptsatzform und Fantasie und von dem sentimentalen, strophischen Archetyp durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt. Diese Kluft wird durch Chopins subtile Harmonien und lange chromatische Modulationen, die scheinbar kein klares tonales Ziel haben, sowie Dissonanzen, die weit über klassische Normen hinausgehen, noch erweitert und vertieft. Gleichzeitig - und dies macht das Werk umso gewaltiger - behält der Komponist die wichtigsten äußeren Merkmale des Genres bei: das 12/8 Metrum, das gemäßigte Tempo, die gemessene, Ostinato-artige, wiegende Begleitung und die Kantilene in der Melodielinie, die hauptsächlich in Terzen und Sexten geführt wird. Es ist interessant festzustellen, dass alle diese generischen Eigenschaften schon in früheren Werken Chopins auftauchen, wie in allen vier Balladen und insbesondere im Nocturne G-Dur op. 37 Nr. 2, was eigentlich eher eine versteckte Barcarolle ist. Letztendlich steht Opus 60 jedoch als meisterliches Unikat da, in dem die sanft wiegende Lyrik der Umgangssprache in kunstvolle Rhetorik verwandelt und zu einem gewaltigen Höhepunkt geführt wird.

Drei Pianisten habe ich heute für Sie mit diesem Stück ausgewählt, zunächst Daniil Trifonov. Der Mitschnitt entstand während seiner Teilnahme am 16. Chopin-Klavier-Wettbewerb im Oktober 2010 in Warschau, er erhielt damals den dritten Preis:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Krystian Zimerman, aufgezeichnet 1988 in den Wien-Film-Studios am Rosenhügel in Wien:

www.youtube.com/watch

Und zum Schluss noch ein Klassiker aus dem Archiv: Arthur Rubinstein in einem Ausschnitt aus seinem legendären Konzert im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums am 1. Oktober 1964. Das Konzert gilt als eine der Sternstunden der Klaviergeschichte. Der damals 77-jährige Weltklasse-Pianist kehrte nach jahrzehntelanger Abwesenheit in die Sowjetunion zurück und begeisterte das Publikum mit einer außergewöhnlichen Virtuosität, die bis heute als Meilenstein gefeiert wird:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd