Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute beginnt in dieser Reihe wieder der Opernsommer. An den kommenden Wochenenden steht jeweils ein Werk des Musiktheaters im Mittelpunkt. Den Auftakt macht heute eine der beliebtesten Operetten der Musikgeschichte: "Die lustige Witwe" von Franz Lehár.
"Regen Sie sich nicht auf, lieber Léon, das is ka Musik!" Das soll Wilhelm Karczag, der Direktor des Theaters an der Wien, dem Librettisten Victor Léon gesagt haben, als er Franz Lehárs Operette "Die lustige Witwe" zum ersten Mal gehört hat. Zu neu war Lehárs Orchesterklang, zu fremdartig die slawischen Tanzrhythmen, zu unkonventionell auch das Libretto. Denn die Liebesgeschichte des abgebrannten Grafen Danilo und der reichen Witwe Hanna - früher ein einfaches Bauernmädchen, jetzt eine selbstbestimmte, unabhängige Frau - erzählt nicht nur von sich ändernden Geschlechterrollen, moderner sozialer Mobilität, sondern auch von der "Entdeckung des Unbewussten" im Wien Sigmund Freuds.
Der Dichter Felix Salten schwärmt: "Unsere Melodie – in der "Lustigen Witwe" wird sie angestimmt. Alles, was so in unseren Tagen mitschwingt und mitsummt, was wir lesen, schreiben, denken, plaudern und was für moderne Kleider unsere Empfindungen tragen, das tönt in dieser Operette, klingt in ihr an. Lehárs Musik ist heiß von dieser offenen Sinnlichkeit; ist wie erfüllt von geschlechtlicher Wollust … man könnte moderne Verse zu ihr singen."
Lehárs Operette trifft den Nerv der Zeit, wird zum Kultstück - und das weltweit. Innerhalb weniger Jahre bricht sie sämtliche Aufführungsrekorde. Das Paar Hanna-Danilo wird zum Traumpaar der Epoche und der Walzer, den sie tanzen, zum tönenden Zeitdokument. Und selbst in Wien sind die einstigen Vorbehalte vergessen: Der Kassier des Theaters an der Wien bekam für Reservierungen von Karten so ansehnliche Trinkgelder, dass er sich zwei Jahre nach der Premiere ein Zinshaus kaufen konnte. Als man Direktor Karczag fragte, was er zu dieser Transaktion seines Kassiers sage, meinte er lächelnd: "Habe nichts dagegen. Ich habe mir in der Zeit zwei Häuser gekauft."
"Die lustige Witwe" zählt zu den bekanntesten Operetten von Franz Lehár und gilt als Paradebeispiel für die zweite große Operettenära nach 1900. Mit bekannten Nummern wie dem Vilja-Lied bis hin zu den mitreißenden Ballszenen bezaubert die am 30. Dezember 1905 am Theater an der Wien uraufgeführte Operette bis heute weltweit. Die Handlung finden Sie wie gewohnt am Ende dieser Ausgabe.
Zwei Aufführungen stelle ich Ihnen hier zur Auswahl, zunächst aus der Dresdner Semperoper vom 21. Dezember 2007 in der Inszenierung von Jérôme Savary. Die Hauptpartien sind besetzt mit Gunther Emmerlich (Baron Mirko Zeta), Lydia Teuscher (Valencienne), Bo Skovhus (Graf Danilo Danilowitsch) und Petra-Maria Schnitzer (Hanna Glawari). Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Manfred Honeck:
www.youtube.com/watch (Akt 1)
www.youtube.com/watch (Akt 2)
www.youtube.com/watch (Akt 3)
Zum Vergleich ein Fundstück aus dem Archiv: August Everding inszenierte Lehárs Operette 1979 an der Deutschen Oper Berlin mit Benno Kusche (Baron Mirko Zeta), Lucy Peacock (Valencienne), Rene Kollo (Graf Danilo Danilowitsch), Gwyneth Jones (Hanna Glawari) und Siegfried Jerusalem (Camille de Rosillon). Es spielt das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Caspar Richter:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
Inhalt
1. Akt
Um sein Vaterland Pontevedro vor dem finanziellen Ruin zu retten, veranstaltet der pontevedrinische Gesandte Baron Zeta in Paris ein rauschendes Fest. Denn der drohende Staatsbankrott scheint nur noch durch eine Heirat der millionenschweren pontevedrinischen Witwe Hanna Glawari mit einem Landsmann abwendbar. Als geeigneter Heiratskandidat soll der lebenslustige Graf Danilo Danilowitsch herhalten, der Hanna bereits von früher kennt und sie schon einmal fast geheiratet hätte -
jedoch war seine Familie gegen eine Ehe mit dem damals noch mittellosen Mädchen. Danilo, der Hanna noch immer liebt, will diese nicht glauben machen, er habe es nur auf ihr Vermögen abgesehen und spielt daher den Spröden. Ein Tanz der beiden gerät, trotz Danilos zur Schau getragener Gleichgültigkeit, zu einem wortlosen Bekenntnis seiner tatsächlichen Empfindungen für sie.
2. Akt
Durch Hannas Begegnung mit Danilo sind auch in ihr alte Gefühle neu erwacht. Im Gartenpavillon von Hannas Palais kommt es während eines Fests zu einer unerwarteten, jedoch rein zufälligen Zusammenkunft Hannas mit Rosillon, der in Wahrheit der heimliche Verehrer von Zetas junger Frau Valencienne ist. Um dieser aus der Verlegenheit zu helfen - und auch, um Danilo zu necken - verkündet Hanna ihre Verlobung mit Rosillon. An Danilos eifersüchtiger Reaktion erkennt Hanna, dass er noch immer Gefühle für sie hegt.
3. Akt
Um Danilo zu imponieren, hat Hanna einen Saal ihres Palais in das berühmte Pariser Nachtlokal »Maxim« verwandeln lassen. Zeta - voll Sorge um Hannas Millionen, die im Falle einer Verheiratung mit Rosillon für das Vaterland verloren wären - appelliert erfolglos an ihren Patriotismus und macht ihr in seiner Not schließlich sogar selbst den Hof. Erst als Hanna bekennt, dass sie ihr Vermögen laut Testament im Falle einer Wiederverheiratung verlieren würde, gesteht Danilo ihr endlich seine wahren Gefühle - denn hierdurch kann sie nun nicht mehr argwöhnen, er habe es nur auf ihr Geld abgesehen. Die Millionen sind aber dennoch nicht verloren: Hanna hatte nur verschwiegen, dass das Vermögen ihrem neuen Gatten zufallen müsse. Die allgemeine Freude hierüber wird von der plötzlichen Nachricht vom Ausbruch des Krieges unterbrochen!
