Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
im Rahmen des Opernsommers erwartet Sie heute ein beklemmendes Kammerspiel von Benjamin Britten: The Turn of the Screw.
Benjamin Britten ist ein Monument der Moderne. Die Suche nach Schutzwällen, Behausungen und Rückzugsorten für die bedrohte Unschuld ist eines der zentralen Lebensthemen des Komponisten. In "The Turn of the Screw", das auf einer 1898 veröffentlichten Novelle von Henry James beruht, widmet er sich diesem Thema anhand eines Psychokrimis, wo Natürliches ununterscheidbar auf Unnatürliches trifft und die Oper zu einer Reise ins Unbewusste wird. Unter Brittens Bühnenwerken ist es in vieler Hinsicht das rätselhafteste. Viele Freunde von Benjamin Britten halten das 1954 komponierte Drama für sein faszinierendstes Werk, ein Psychothriller im Kammeropernformat. Von der Erzählung behauptet Oscar Wilde, dass es „… eine höchst wunderbare, grausige kleine Geschichte“ ist.
Das liegt besonders an den psychoanalytischen Tiefen und Untiefen der Handlung, bei der sich Geistererscheinungen, verstohlene pädophile Gelüste und die allgemein morbide Atmosphäre des spätviktorianischen England zu einem ebenso seltsamen wie verführerischen Gebräu verbinden. Brittens ebenso leise unheimliche wie lyrisch berückende, gleichsam mit changierenden Aquarellfarben malende Musik findet dafür die adäquate Tonlage.
Der Inhalt in Kürze: Als eine junge Gouvernante auf den Landsitz Bly geschickt wird, um sich um die Waisenkinder Miles und Flora zu kümmern, muss sie feststellen, dass seltsame Dinge vor sich gehen. Nicht nur die Kinder hüten offenbar Geheimnisse, auch die Haushälterin Mrs. Grose verschweigt etwas. Immer häufiger sieht die Gouvernante einen schemenhaften Mann und eine Frau. Einbildung? Tote? In welcher Beziehung stehen die Erscheinungen zu den Kindern? Was ist hier geschehen? Wer ist Täter, wer ist Opfer? Die Suche nach Antworten bedeutet ein Ende des Schweigens - und das gefährdet mindestens ein Leben. Den ausführlichen Inhalt finden Sie wie gewohnt am Ende dieser Ausgabe.
Brittens ebenso rätselhafte wie eindrucksvolle Kammeroper "The Turn of the Screw" spiegelt in ihrer zersplitterten Struktur die scheinbar fragmentarischen und womöglich verzerrten Wahrnehmungen und Erinnerungen der Protagonistin wider. Jede Szene wirft ein anderes Licht auf das Geschehen, das sich aus der Erinnerungsperspektive der Governess nicht zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen lässt, sondern eher wie ein Puzzle mit fehlenden Teilen erscheint. Henry James, dessen 1898 erschienene, von frühen tiefenpsychologischen Ideen beeinflusste Erzählung als Vorlage für Brittens Oper diente, bezeichnete diese einst mit Understatement als ein „Spiel seltsamer Begegnungen“.
Brittens "The Turn of the Screw" wurde 1990 im Rahmen der Schwetzinger Festspiele im dortigen Rokokotheater in der Inszenierung von Michael Hampe aufgeführt. Die Besetzung: Helen Field (Governess), Sam Linay (Miles), Machiko Obata (Flora), Menai Davies (Mrs. Grose), Richard Graeger (Quint) und Phyllis Cannan (Miss Jessel) sowie Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart unter der Leitung von Steuart Bedford:
www.youtube.com/watch (Akt 1)
www.youtube.com/watch (Akt 2)
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Urlaubsgrüßen von der Nordsee
Matthias Wengler
Handlung
Prolog
Bly, ein englisches Landhaus, Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Gouvernante besucht den einzigen Verwandten und jetzigen Vormund der Waisenkinder Flora und Miles, der keine Zeit für die Kinder hat. Der galante und gutaussehende junge Mann, der die Verantwortung für die Kinder scheut, kann die junge Frau überreden, deren Erziehung zu übernehmen.
Erster Akt
Mit Eifer widmet sich die Gouvernante ihren Aufgaben, die ihr durch die gut erzogenen Kinder nicht sonderlich erschwert werden. Doch beunruhigt es sie, dass Miles aus unerklärlichen Gründen von der Schule verwiesen wurde; darüber hinaus sind ihr die mysteriösen Erscheinungen eines Mannes und einer Frau unheimlich. Es stellt sich heraus, dass der auf dem Turm des Hauses zu sehende Mann und die am See auftauchende Frau niemand anderes als der verstorbene Diener Peter Quint und die frühere, ebenfalls tote Erzieherin, Miss Jessel, sein können. Die beiden liebten sich und sind auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen, übten aber auf die Geschwister offenbar eine magische Gewalt aus. Die Gouvernante und Mrs. Grose beschließen, die Kinder vor Quint und Miss Jessel zu beschützen, umso mehr, als sie von ihnen überrascht werden, wie sie sich den Kindern wieder nähern.
Zweiter Akt
Beide Frauen merken, dass Miles und Flora ständig mit Quint und Miss Jessel sprechen. Zuerst der Meinung, dass man den Vormund mit dieser Angelegenheit nicht belästigen könne, wird es beiden langsam unheimlich, als sich Flora immer mehr zu Miss Jessel und Miles zu Quint hinwenden. Die Gouvernante schreibt dem Vormund, sie müsse ihn unbedingt sprechen, doch Miles entwendet den Brief. Immer wieder treffen die beiden Kinder mit Quint und Miss Jessel zusammen und werden, von ihnen aufgehetzt, ständig erregter. Da Mrs. Grose nach London reist, wird nun beschlossen, dass Flora mitfährt. Inzwischen hat sich auch herausgestellt, dass der Brief an den Vormund nicht abgegangen ist. Die Gouvernante bittet Miles, ihr zu sagen, wer ihm die bösen Ratschläge gibt, dann habe er für immer Ruhe. Der Junge schreit noch „Quint, du Teufel“, dann bricht er ohnmächtig zusammen und stirbt in den Armen der Gouvernante.
