Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie ein Konzert in ungewöhnlicher Besetzung: Das Konzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken von Bohuslav Martinů.
Bohuslav Martinů stammt aus einer mährischen Kleinstadt im Osten von Tschechien. Sein Vater, Schuster und Turmwächter von St. Jakob, erkannte schon früh die musikalische Begabung seines Sohnes und ließ ihn Geige lernen. Als 16-jähriger studierte er in Prag Violine, Orgel und Komposition, musste das Konservatorium allerdings bald wegen unverbesserlicher Nachlässigkeit wieder verlassen. Er war mehr in Prag unterwegs, als sich um ein ordentliches Studium zu kümmern. Außerdem fühlte er sich eher zum Komponisten als zum Geiger berufen. Allerdings bekam er 1913 eine Stelle als Aushilfsgeiger in der Tschechischen Philharmonie und konnte hier wertvolle Erfahrungen in der Instrumentierung und Schreibweise für Orchester sammeln.
1923 ging Martinů, unterstützt durch ein Stipendium, nach Paris, wo er bei Albert Roussel studierte und die Musik von Strawinsky, Prokofjew und der Groupe des six kennenlernte. Hier entstanden zahlreiche, höchst unterschiedliche Werke, von klassizistischen Kompositionen über Stücke à la mode française bis zu Werken, die vom Jazz der 1920er und 1930er Jahre beeinflusst sind. Im Frühjahr 1941 emigrierte Martinů mit seiner französischen Ehefrau Charlotte vor den Nationalsozialisten über Südfrankreich und Lissabon in die USA. 1953 kehrte Martinů nach Europa zurück, verbrachte die letzten Jahre in Frankreich, Italien und ab 1956 in der Schweiz, wo er 1959 in der Nähe von Basel starb.
Am Tag des Münchner Abkommens (29. September 1938), das die Tschechoslowakei faktisch an Hitler auslieferte, vollendete er das Konzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken. Dieses im Auftrag Paul Sachers komponierte Stück wurde sein meistaufgeführtes Werk. Die dramatische Spannung jener Zeit, die bald darauf Europa und schließlich die ganze Welt erschüttern sollte, hatte sicher großen Einfluß auf den Charakter des Werkes, das der Komponist mehr als andere Arbeiten ausführlich kommentierte: "Ich glaube, ich habe das Kommen dieser Ereignisse geahnt, der Gefahr, die meinem Land drohte, und wollte mich gegen diese Druck stellen, wollte mit meiner Arbeit gegen diese Drohung kämpfen, die jeden Künstler und jeden Menschen in seiner innersten Überzeugung erschüttern musste", schrieb Martinu 1940 zur Uraufführung in Basel. "Mit Bangen hörten wir die Rundfunknachrichten und versuchten, uns Mut zu machen und Hoffnung einzuflößen, doch gelang uns das nicht", erinnerte er sich wenig später in Amerika. "Die Wolken verdichteten sich rasch und wurden immer bedrohender. In diesen Tagen arbeitete ich am Doppelkonzert, aber alle meine Gedanken weilten stets bei meiner bedrohten Heimat ... Und nun erklang in meiner Bergeinsamkeit mein Klavier und erfüllte mich mit Kummer und Schmerz, aber auch mit Hoffnung. Seine Töne sangen von den Gefühlen und Seufzern aller Angehörigen unseres Volkes, die fern der Heimat schreckensstarr die Katastrophe nahen sahen. Es ist eine unter erschütternden Ereignissen zustande gekommene Komposition, aber die Empfindungen, die sie hervorruft, sind nicht verzweifelt, eher geben sie Empörung, Mut und unerschütterlichen Glauben an die Zukunft kund. Ihr Ausdruck ist scharf, dramatisch erregend; eine Fülle von Tönen strömt herab, die keinen Augenblick innehält, und die reichen Melodien fordern leidenschaftlich das Recht auf Freiheit."
Der außergewöhnliche Charakter des Doppelkonzerts beruht in seiner vollendeten Einheit von Inhalt und Form. Das von Martinu gewählte klassische Vorbild erklärt sich aus der erkannten Notwendigkeit einer Beschränkung der emotionalen Elemente und ihrer Einbindung in drei symmetrisch angelegte und motivisch verbundene Sätze, um sie erfassbar zu machen. Der Einsatz von zwei gleichbesetzten Streichorchestern bietet dazu vielfältige Möglichkeiten polyphoner Prozesse. Scheinen Paukendonner in den Ecksätzen den bald ausbrechenden Sturm anzukündigen und die solistischen Abschnitte des Klaviers im Largo Verzweiflung, Angst. aber auch Hoffnung auszudrücken, erinnern zarte Sechzehntel an die idyllische Umgebung des Landhauses der Sachers in Schöneberg, wo Martinu die Komposition vollendete.
Die von dem Konzert ausgehende Wirkung hat ein Kritiker nach der Uraufführung beschrieben: "Wir finden hier bezaubernde Fantasie, unwiderstehliche Dynamik sowie außerordentlich feinen Sinn für die Struktur. Seine Musik, wahrhaft und befruchtend, sprudelt mit solcher Gewalt und in solcher Fülle hervor, dass wir überwältigt dastehen: eine Musik, die niemandem etwas schuldig bleibt und die ihren eigenen weg geht, eine Musik, die für einen Augenblick auf derselben Stelle verweilt und sich unablässig von selbst erneuert, dank der außergewöhnlichen Regenerationskräfte, die ihr innewohnen."
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand im Juni 2020 im Pariser Auditorium de la Maison de Radio France, es musizieren Cédric Tiberghien und das Orchestre National de France unter der Leitung von François-Xavier Roth:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus dem Harz
Matthias Wengler
