Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 20

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute benötige ich ein paar Zeilen mehr, um zur eigentlichen Empfehlung zu kommen: Ein Werk, das lange Zeit in Vergessenheit geriet und auch heute nur äußerst selten aufgeführt wird, entstand als Gemeinschaftskomposition von dreizehn(!!!) italienischen Komponisten und wurde von Giuseppe Verdi initiiert: Die „Messa per Rossini“.

Unter dem Eindruck vom Tod Gioachino Rossinis am 13. November 1868 lud Giuseppe Verdi zwölf weitere Komponisten ein, sich an der Gemeinschaftskomposition einer Totenmesse für Rossini zu beteiligen. Die Uraufführung sollte am ersten Todestag Rossinis in Bologna stattfinden. Fertiggestellt war das Werk im September 1869, eine Aufführung kam jedoch wegen widriger Umstände nicht zustande; das Manuskript geriet daraufhin zunächst in Vergessenheit. Erst 1970 wurde es von dem Musikwissenschaftler David Rosen wiederentdeckt und am 11. September 1988 von der Gächinger Kantorei unter der Leitung von Helmuth Rilling beim Europäischen Musikfest Stuttgart posthum uraufgeführt.
Viele Komponisten übernahmen ihre Beiträge, um sie in eigenen Werken zur Aufführung zu bringen – Giuseppe Verdis „Libera me“, das die „Messa per Rossini“ beschließt, ist die Keimzelle für seine „Messa da Requiem“ geworden – und dieses Werk möchte ich Ihnen heute nach einer längeren Einleitung gerne vorstellen.
Bei Verdis Requiem stellt sich bis heute die Kardinalfrage, ob es nun eine verkappte Oper oder ein einziges, religiöses Bekenntniswerk ist. Die salomonische Antwort, dass die Wahrheit vielleicht doch in der Mitte liegt, mag jeder für sich selbst bewerten – nur eines habe ich noch nicht erlebt: Dass man von diesem Werk nicht aufgerüttelt, mitgerissen und erschüttert wird oder es einen gar kalt lässt.
In den letzten 35 Jahren habe ich schätzungsweise zehn Live-Aufführungen mit diesem großartigen Werk erlebt, darunter mit den größten Dirigenten (u. a. Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Mariss Jansons), hervorragenden Chören (u. a. Rundfunkchor Berlin, Chor des Bayerischen Rundfunks, Chor der Mailänder Scala) und überragenden Solisten (Anja Harteros, Elina Garanca, Rolando Villazon, René Pape etc.). Unzählige Male habe ich es im Fernsehen gesehen.
Nie werde ich jedoch meine Erstbegegnung mit diesem Werk vergessen: Kurz nach dem Abitur erlebte ich zu Beginn der Neunziger Jahre im Kaiserdom Königslutter eine Aufführung mit der Helmstedter Bachkantorei und dem Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von KMD Friedrich Peter-Isenbürger, der für mich ein ganz wichtiger Förderer und Musikvermittler war. Als noch ziemlich unerfahrener Konzertbesucher war ich damals nahezu sprachlos über das riesige Stimmvolumen der Sopranistin, die sich mit ihrer Stimme mühelos noch über ein großbesetztes und lautstark aufspielendes Sinfonieorchester durchsetzen konnte. Und beim „Dies Irae“ (ebenfalls im „Libera me“ schon enthalten) konnte man sich damals auch zu Recht Sorgen um den Erhalt des Bauwerks machen…
Zu den eindrucksvollsten Aufführungen, die im Fernsehen zu sehen waren, zählt die Live-Übertragung anlässlich Verdis 100. Todestag aus der Berliner Philharmonie am 27. Januar 2001. Hätten nicht wenige Tage später meine Examensprüfungen in Köln stattgefunden, wäre ich gerne direkt bei dieser Aufführung dabei gewesen. Dass mich aber die Aufführung auch als Fernsehzuschauer so packen würde, überrascht mich noch bis heute. Die letzte Viertelstunde dieser Aufführung (das eingangs erwähnte „Libera me“) soll heute meine Musikempfehlung sein. Die Solistin ist Angela Gheorghiu; Claudio Abbado, der erst wenige Wochen vor der Aufführung eine schwere Krebsoperation überstanden hatte, leitet den Rundfunkchor Berlin und die Berliner Philharmoniker.
Und wie immer: Wer das Werk in vollständiger Länge erleben möchte, erhält jetzt die Gelegenheit. Der komplette Mitschnitt der Berliner Aufführung ist bei youtube derzeit leider nicht verfügbar, ich kann Ihnen aber zwei hervorragende Alternativen anbieten: Claudio Abbado dirigierte das Werk 1982 mit dem London Symphony Orchestra und dem Edinburgh Festival Chorus – und mit einer sehr luxuriösen Solisten-Besetzung: Margaret Price, Jessye Norman, José Carreras und Ruggero Raimondi.

Mein letztes Live-Erlebnis mit Verdis Requiem liegt noch gar nicht so lange zurück. Der zur Zeit wohl weltweit gefragteste Dirigent ist Teodor Currentzis. Mit seinem überragenden musicAeterna Chor gab er im November 2019 mit den Solisten Zarina Abaeva, Annalisa Stroppa, Sergej Romanowsky und Evgeny Stavinsky sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern – diese Aufführung können Sie im folgenden Link erleben:

Ihnen allen herzliche Grüße aus Braunschweig, bleiben Sie gesund!
Matthias Wengler

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