Musik in schwierigen Zeiten-Folge 99

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
der 9. November war für Deutschland immer wieder ein geschichtsträchtiger Tag, zuletzt 1989, als die Berliner Mauer fiel. An ein besonderes Konzert, das am 12. November 1989 stattfand, in Rekordzeit organisiert wurde und Musikgeschichte geschrieben hat, möchte ich heute erinnern. Die Berliner Philharmoniker spielten an diesem Sonntagvormittag ein Gratis-Konzert für die Besucher aus der DDR in der (West-)Berliner Philharmonie; auf dem Programm stand Beethovens 1. Klavierkonzert  und – nach der Pause – die Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92  um die es heute gehen soll. Dirigent und Solist war Daniel Barenboim, einen kleinen Eindruck von diesem besonders emotionalen Konzert können Sie im folgenden Link sehen:
Daniel Barenboim erinnerte sich 25 Jahre später an dieses besondere Konzert:
Beethovens „Siebte“ ruft auch ohne besondere Anlässe immer wieder Begeisterungsstürme hervor. Sie wurde im Frühjahr 1812 vollendet und am 8. Dezember 1813 im Festsaal der Universität in Wien uraufgeführt. In der strahlenden Freude spiegeln sich in ihr auch weltpolitische Ereignisse wider: Ihre Entstehung fällt in die Zeit von Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug und in das Jahr der nationalen Volkserhebung der Befreiungskriege mit der Vision eines Sieges der unterdrückten Völker Europas. Die bestimmende Kraft des Werkes ist sein starker Rhythmus, der Richard Wagner veranlasste, in dieser Sinfonie eine grandiose „Apotheose des Tanzes“ zu sehen. Als faszinierendes Dokument sind 100 Seiten Skizzen zu diesem Werk erhalten – eine wahre Fundgrube für jeden, der bei der „Geburt“ einer Sinfonie zuschauen möchte. Schon die Uraufführung war ein überwältigender Erfolg. Ein Zeitgenosse berichtet: „Die Jubelausbrüche während der A-Dur-Sinfonie … überstiegen alles, was man bisher im Konzertsaal erlebt hatte.“
Sehr oft habe ich das Werk live im Konzertsaal gehört, zweimal durfte ich es im Kaiserdom schon selbst dirigieren. Unvergesslich wird mir ein Konzert der Berliner Philharmoniker bleiben, das sie im Rahmen der Osterfestspiele 2001 in Salzburg mit Claudio Abbado gegeben haben. Orchester und Dirigent haben den Saal mit dieser Sinfonie in ihren Klangrausch förmlich reingezogen. Die Begeisterung des Publikums entlud sich danach in minutenlangen Ovationen, was ich in dieser Form nur sehr selten erlebt habe.
Als Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern Ludwig van Beethovens neun Sinfonien aufnahm, betrachtete er diesen Zyklus als persönliches Bekenntnis, als „Vermächtnis meines Glaubens und meiner tiefempfundenen Beziehung zu diesem größten aller Komponisten“. Bernsteins Konzerte waren eines der wichtigsten musikalischen Ereignisse in Wien und wurden von Publikum und Kritik mit ungeteiltem Beifall aufgenommen, die folgende Aufzeichnung entstand im November 1978 im Wiener Musikverein:

Wenn Sie vergleichen mögen: Carlos Kleiber gastierte mit Beethovens Siebter Sinfonie im Oktober 1983 beim Concertgebouworkest Amsterdam. Die fast schon hypnotische Wirkung des Dirigenten auf seine Musiker ist faszinierend. Nichts ist vom überschwänglichen Glamour eines Stardirigenten zu bemerken, wenn Carlos Kleiber mit höchster Sorgfalt und Liebe zum Detail klare musikalische Strukturen schafft, rhythmische Klangbilder erzwingt und magische Augenblicke der Ruhe zaubert.

Kleibers viel zu seltene Auftritte auf dem Konzertpodium gehören zu jenen besonderen musikalischen Ereignissen, an die man sich noch lange erinnert.

Und zuletzt noch einmal Daniel Barenboim, viele Jahre später mit dem West Eastern Divan Orchestra. Im Rahmen der BBC Proms musizierte das Orchester im August 2012 innerhalb von einer Woche alle neun Sinfonien von Beethoven in der Londoner Royal Albert Hall:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler