Musik in schwierigen Zeiten-Folge 98

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute möchte ich Ihnen eines der bekanntesten Orgelwerke der französischen Literatur vorstellen – und ein besonderes Instrument. Das Werk: Carillon de Westminster aus den „24 Pièces de Fantaisie“ von Louis Vierne, gespielt an der Hauptorgel der Kathedrale Notre-Dame de Paris.
Die Kirche hat im vergangenen Jahr weltweit Schlagzeilen gemacht. Bei dem Großbrand am 15./16. April 2019 wurde das historische Bauwerk der Kathedrale Notre-Dame de Paris teilweise zerstört. Der Pariser Feuerwehr gelang es nach etwa vier Stunden, den Brand im Wesentlichen auf den hölzernen Dachstuhl zu begrenzen. Die Westfassade mit den Haupttürmen, die Wände des Mittelschiffs nebst Strebewerk sowie große Teile des Deckengewölbes und die Seitenschiffe und Chorumgänge blieben weitgehend stabil. Die reiche Ausstattung der Kirche, darunter auch die Hauptorgel, blieb größtenteils erhalten, wurde jedoch teilweise durch Hitze, Rauch, Ruß und Löschwasser verschmutzt und beschädigt.
Seit September 2020 wird die große Orgel abgebaut. Das 1733 von Antoine Calvière geschaffene und 1867 von Aristide Cavaillé-Coll überholte Werk mit seinen 8.000 Pfeifen und 115 Registern hat relativ wenig gelitten und beim Brand im letzten Jahr auch kaum Löschwasser abbekommen. Es muss aber bis in die winzigsten Einzelteile zerlegt und von Ruß und Bleistaub befreit werden. Die Restaurierung wird bis 2024 dauern.
Zum heutigen Musikstück: Louis Vierne (1870-1937) war von 1900 bis zu seinem Tod Titularorganist der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Während dieser Zeit gab er etwa 1.750 Konzerte in vielen Ländern Europas und den Vereinigten Staaten. Er war von Geburt an fast blind, konnte durch eine Operation im Alter von 7 Jahren wieder teilweise sehen, erblindete aber völlig mit 45 Jahren am grünen Star. Als Lehrer am Pariser Konservatorium war er an der Ausbildung vieler berühmter Organisten beteiligt, unter anderem Maurice Duruflé, André Fleury und Marcel Dupré. Er war Schüler von César Franck und Charles-Marie Widor und führte das sinfonische Schaffen seines Lehrers Widor mit seinen 6 Orgelsinfonien fort, die als Fortsetzung der 10 Orgelsinfonien von Widor anzusehen sind. „Carillon de Westminster“ ist der Abschluss der 1927 veröffentlichten 3. Suite seines vierteiligen Zyklus „24 Pièces de Fantaisie“. Es ist eine Fantasie über das Glockenspiel des Elizabeth Towers („Big Ben“), dessen Melodie der englische Orgelbauer Henry Willis, dem das Werk gewidmet ist, Vierne vorgesummt hatte.

Vierne verwendet das Viertelstunden-Geläut in einer leicht abgewandelten Form, vermutlich um eine bessere musikalische Linie daraus bilden zu können. Von einem ruhigen, verschwommenen Beginn steigert sich sein Klang zu triumphaler Fülle.

Der französische Organist Olivier Latry, der sich als weltweit führender Botschafter für sein Instrument etabliert hat, tritt an den renommiertesten Veranstaltungshäusern der Welt auf, ist Gast führender Orchester unter renommierten Dirigenten, nimmt für bedeutende Labels auf und hat eine beeindruckende Anzahl von Uraufführungen.
Im Alter von 23 Jahren wurde Olivier Latry zum Titularorganisten an der Notre-Dame in Paris ernannt. Er ist ein versierter, nachdenklicher und abenteuerlicher Musiker, der alle Bereiche der Orgelmusik erforscht und ein außergewöhnliches Improvisationstalent besitzt. Hier ist er mit Viernes „Carillon de Westminster“ an „seinem“ Instrument zu erleben:

Und wer heute noch mehr Lust auf Orgelmusik bekommen hat, dem empfehle ich gerne noch ein Konzert, das am Ostermontag mit Cameron Carpenter im leeren Konzerthaus Berlin stattfand – auch hier ist Viernes „Carilllon de Westminster“ dabei: Der Ausnahmeorganist Cameron Carpenter war bereits in vielen bedeutenden Spielstätten weltweit zu Gast. Mit dem Konzerthaus Berlin verbindet ihn jedoch eine besonders enge Freundschaft, nicht zuletzt weil er in der Spielzeit 2017/18 Artist in Residence beim Berliner Konzerthausorchester am Gendarmenmarkt war, wo er auch mit seiner eigens für ihn gebauten Orgel auftrat. Die nach seinen Plänen gefertigte International Touring Organ (ITO) ermöglicht ihm, an fast jedem Ort der Welt konzertieren zu können – eine Selbstverständlichkeit für die meisten Instrumentalisten, eine Revolution jedoch für Cameron Carpenter als Organisten.
Hier das Konzertprogramm:
Johann Sebastian Bach
Präludium und Fuge, BWV 552
Astor Piazzolla
Oblivion
Sir Alfred Herbert Brewer
Marche Héroïque
Modest Mussorgsky
Das alte Schloss (aus „Bilder einer Ausstellung“)
Louis Vierne
Carillon de Westminster op. 54 Nr. 6
Joe Hisaishi
Nausicaä aus dem Tal der Winde
Percy Grainger
Irish Tune from County Derry
Howard Hanson
Allegro con brio aus der Sinfonie Nr. 2 „Romantic“
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler