Musik in schwierigen Zeiten-Folge 96

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

für den heutigen Fest-Gottesdienst zum Reformationstag im Kaiserdom war ein großes musikalisches Fest geplant. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Wiedereinweihung nach der umfänglichen Restaurierung sollte neben einer Bach-Kantate auch Felix Mendelssohn Bartholdys fünfte Sinfonie, die sogenannte Reformations-Sinfonie, erklingen. Daher soll dieses großartige Musikstück im Mittelpunkt des heutigen Newsletters stehen.

Mendelssohn schrieb seine Reformations-Sinfonie 1830 anlässlich des 300. Jahrestages der „Confessio Augustana“. Dieses von Martin Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon formulierte protestantische Glaubensbekenntnis war 1530 beim Reichstag in Augsburg verlesen worden. Mendelssohn tat sich jedoch schwer damit, seine „jugendliche Jugendarbeit“ zu akzeptieren. Er hätte sie am liebsten, wie er einem Freund verriet, nicht „aus dem Gefängnis“ seines Notenschranks „entwischen lassen“. Diese „Sinfonie zur Feier der Kirchen-Revolution“, wie das Werk ursprünglich hieß, erschien dann auch erst über 20 Jahre nach Mendelssohns Tod im Druck und zwar als Nummer 5 seiner Sinfonien und mit der verwirrend hohen Opuszahl 107. In Wahrheit aber ist diese offiziell letzte (und Wahrheit zweite) Sinfonie Mendelssohns das Frühwerk eines 20-Jährigen, der sich mit einem opulenten sinfonischen Werk als respektabler Komponist in Berlin einen Namen machen wollte.
Die Festlichkeiten zu 300 Jahre „Confessio Augustana“ standen 1830 an, und der protestantisch getaufte Mendelssohn schrieb zu diesem Anlass ein großes Werk, das als Sinfonie für den Konzertsaal konzipiert war und mit kirchlichem Charakter dem theologischen Thema entsprach. Aber das Jubiläumsjahr verstrich ungefeiert in den Wirren der französischen Juli-Revolution, die auch in Deutschland protestantische Jubeltage vereitelte. So kam die Reformations-Sinfonie erst Ende 1832 in der Berliner Singakademie erstmals auf die Bühne. Es blieb die einzige Aufführung zu Mendelssohns Lebzeiten, denn der Komponist zog das Werk zurück – und verbuchte es als einer der wenigen Misserfolge seines Schaffens.

Mendelssohn entstammte einer angesehenen jüdischen Familie mit großer humanistischer Tradition. Er wurde, wie all seine Geschwister, christlich erzogen und mit 7 Jahren von Johann Jakob Stegemann, einem Pfarrer der Reformierten Gemeinde in Berlin, in einer Haustaufe protestantisch getauft. Über Mendelssohns religiöse Haltung gibt es nur ein einziges Zeugnis von ihm selbst, das ganz eine tätige Ethik preist: „Wenn aber die Leute unter einem Frommen einen Pietisten verstehen, einen Solchen, der die Hände in den Schooß legt und von Gott erwartet, daß er für ihn arbeiten möge, (…) – ein solcher bin ich nicht geworden, Gott sei Dank, und hoff’s auch nicht zu werden mein Leben lang.“ Zu dieser Haltung passt, dass Mendelssohn auch eine Sinfonie schrieb, die keine ‚reine‘ Kirchenmusik ist und die dennoch voll religiöser Musikelemente und protestantischen Gedankenguts steckt.

Religiöse Bezüge sind vor allem in ihren Ecksätzen zu finden. So beginnt die Einleitung des ersten Satzes mit einem Fugato über das gregorianische Magnificat und endet mit dem sogenannten „Dresdner Amen“. Diese Tonfolge, die in der dortigen (katholischen!) Hofkirche erfunden wurde, bestimmt auch den folgenden, feurigen Hauptteil. Ziel- und Kernpunkt der Sinfonie sind die finalen Variationen über den damals wie heute populären Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, von Heinrich Heine einmal als „Marseillaise der Reformation“ bezeichnet. Seine Melodie stellt die Flöte zunächst recht schüchtern vor, bevor immer reichere Akkorde und raffiniertere Gegenstimmen hinzutreten. Mendelssohn baut den Luther-Choral zum Hauptmotiv der Sinfonie aus und lässt ihn wie eine Hymne triumphieren – mit majestätisch langen Notenwerten am Schluss.

Viel zu selten erklingt das Werk im Konzertsaal, daher gibt es auch heute gleich drei Empfehlungen, zunächst aus der Alten Oper Frankfurt ein Mitschnitt vom 23. Mai 2014 mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Jérémie Rhorer:

 

Klarinettist, Komponist und Dirigent Jörg Widmann dirigierte das Werk am 28. September 2019 in der Kölner Philharmonie mit dem WDR-Sinfonieorchester:
Und zum Abschluss noch ein Konzert aus der Münchner Philharmonie im Gasteig, Sir John Eliot Gardiner dirigierte dort Mendelssohns Reformations-Sinfonie am 30. Mai 2014:
https://www.youtube.com/watch?v=fnJF6SAhmtM

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler