Musik in schwierigen Zeiten-Folge 95

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
das heutige Musikstück habe ich auf sehr ungewöhnliche Art kennengelernt: In der Verfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ aus dem Jahr 1973 spielt es eine Schlüsselrolle – es ist der Moment der Wiederbegegnung zwischen dem Lehrer Dr. Johannes Bökh, genannt Justus (Joachim Fuchsberger), und Dr. Robert Uthoff, genannt der Nichtraucher (Heinz Reincke), die sich seit Jahrzehnten aus den Augen verloren hatten. So haben Sie dieses Stück bestimmt noch nicht gehört – die Musik setzt ein bei 59:10 und dauert eine knappe Minute:
Erst viele Jahre später habe ich erkannt, dass es sich um den Schlussteil aus Mozarts Motette „Exsultate, jubilate“ KV 165 handelt – ein virtuoses Stück für Solo-Sopran und Orchester. Es wäre sehr spannend gewesen, wenn Heinz Reincke im Film noch weiter gesungen hätte, die Koloraturen hätte ich gerne noch von ihm gehört…

Mozarts Motette entstand 1772/73 anlässlich der dritten Italien-Reise, die der 16-jährige Komponist in Begleitung seines Vaters unternahm. Geschrieben wurde es für den virtuosen italienischen Soprankastraten Venanzio Rauzzini, der als Primo uomo an der Uraufführung von Mozarts Oper „Lucio Silla“ in Mailand mitgewirkt hatte. Bei der Uraufführung am 17. Januar 1773 in der Mailänder Kirche der Theatiner erklang das Werk nach dem Credo der Messe zum Fest des Kirchenpatrons. Sechs Jahre später entstand eine in der Instrumentierung abweichende Salzburger Fassung mit alternativer Textunterlegung, die am 30. Mai 1779 in der dortigen Dreifaltigkeitskirche zur Aufführung kam und die erst 1978 wiederentdeckt wurde.

 

Der Text weicht im ersten Satz und im folgenden Rezitativ von der ursprünglichen Fassung ab und nimmt direkten Bezug auf das Dreifaltigkeitsfest (Trinitatis, erster Sonntag nach Pfingsten). Im unverändert übernommenen zweiten Satz „Tu virginum corona“(!!!) wird Christus (nicht Maria!) als „Krone der Jungfrauen“ angesprochen (so wie er der kirchlichen Überlieferung zufolge in mehreren frühen christlichen Hymnen als „Krone“ angerufen wurde). Das modulierende Nachspiel des zweiten Satzes führt direkt in die dritte Arie, das brillante und populäre Schluss-Alleluja, das sie durch den einleitenden Filmausschnitt gehört haben.
Im Hinblick auf Tempo, Charakter und die in Singstimme und Orchester verwendeten musikalischen Mittel (darunter Koloraturen, Solokadenzen, rauschende Streicherfiguren und Tremoli) weist die Motette mit ihren insgesamt drei Arien und einem Rezitativ eine merkliche Affinität zur damaligen italienischen Oper auf – was den berühmten Mozart-Biographen Alfred Einstein zu der knappen Feststellung veranlasste: „Kirchlich ist sie nicht.“ Das „Exsultate, jubilate“ mit seiner reichen melodischen Erfindung und der unbeschwerten Musizierfreude, aber auch mit geistlichem Tiefgang belegt jedenfalls in eindrucksvollem Maße, wie sehr der junge Komponist in der Lage war, die musikalischen Eindrücke Italiens aufzunehmen und zu einem eigenen Stil umzuwandeln.
Dieses Werk begleitet uns am kommenden Samstag im Fest-Gottesdienst zum Reformationstag. der um 18 Uhr im Kaiserdom in Königslutter beginnt. Für alle, die nicht dabei sein können, empfehle ich heute sehr gerne drei Konzertmitschnitte. Am 27. Januar 2006, Mozarts 250. Geburtstag, musizierten die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo Muti dieses Werk im Großen Festspielhaus in Salzburg gemeinsam mit Cecilia Bartoli:

Julia Lezhneva und das Helsinki Baroque Orchestra unter der Leitung von Aapo Häkkinen gastierten am 23. Januar 2015 im Münchner Herkulessaal der Residenz:

Arléen Auger sang das Werk mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im März 1990 in der Stiftsbasilika Waldsassen. Es war die letzte Zusammenarbeit Leonard Bernsteins mit diesem Orchester:
https://www.youtube.com/watch?v=co8l3GSkbaA

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen
Matthias Wengler