Musik in schwierigen Zeiten-Folge 94

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
ein Meisterwerk? Oder doch verrückte Musik? Die Geister scheiden sich bei Robert Schumanns Cellokonzert. Nach dem Cellokonzert Nr. 1 von Camille Saint-Saëns steht in dieser Woche mit Schumanns Cellokonzert ein weiteres Konzert in a-Moll im Mittelpunkt.

Robert Schumann ging es gut im Herbst 1850. Als frischgebackener Musikdirektor war er gerade mit seiner ganzen Familie von Dresden nach Düsseldorf gezogen und von den Rheinländern herzlich aufgenommen worden. Seine ersten Konzerte dort waren ein voller Erfolg, und auch kompositorisch war er in Höchstform. So entstanden noch im gleichen Jahr nicht nur seine dritte Sinfonie, mit dem treffenden Beinamen „Rheinische“, sondern auch sein Cellokonzert.Dieses Konzert schrieb Schumann innerhalb von zwei Wochen. Während es großen Anklang bei seiner Frau Clara fand, sagte es dem Widmungsträger Emil Bockemühl hingegen nicht zu. Er forderte einen neuen dritten Satz und behauptete, das Werk sei insgesamt zu wenig melodisch. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihm das Stück schlicht zu anspruchsvoll war. Bockemühl wollte es in dieser Form jedenfalls nicht aufführen, Schumann keine Änderungen vornehmen. So kam es, dass der Komponist sein Cellokonzert nie im Konzertsaal hörte. Erst am 23. April 1860, vier Jahre nach Schumanns Tod, wurde es in Oldenburg mit der dortigen Hofkapelle und ihrem ersten Cellisten Ludwig Ebert uraufgeführt.

Vieles an diesem Stück ist ungewöhnlich: Auf der signierten Partitur vermerkte Schumann, es solle „nicht zu schnell“ gespielt werden, was im Widerspruch zur angegebenen Metronomzahl von Viertel = 130 Schläge pro Minute steht. Dieses Tempo würde sowohl den Solisten als auch das Orchester vor enorme Schwierigkeiten stellen. Auch der Part des Orchesters selbst überrascht, war das Publikum bis dahin doch gewohnt, dass es nur eine begleitende Funktion einnahm. In diesem Fall aber wirkt es als gleichwertiger Partner mit dem Solisten.

Das Stück beginnt mit drei kurzen, schwermütigen Harmonien der Bläser, die eine melancholische Stimmung entstehen lassen und auf die das vom Solisten präsentierte Hauptthema folgt. Der zweite Satz („Langsam“) wirkt wie eine kurze Ruhepause, bevor im letzten Satz schnelle Läufe und große Sprünge die Solisten vor eine große Herausforderung stellen. Von Schumann spielerisch gemeint, wirkt dieser letzte Satz für manche so skurril, dass das Stück später sogar als der Beginn von Schumanns geistiger Verwirrtheit – Spätfolgen einer Syphilisinfektion – beschrieben wurde.

Sein Cellokonzert gehört heute zum Standardrepertoire der Cellisten. Es lebt vor allem durch seine Intensität und Emotionalität und von Schumanns Charakter, der sich in diesem Stück immer wieder zeigt: mal spielerisch, mal dramatisch, vor allem aber melancholisch.

Für dieses Werk habe ich ein Zusammentreffen zweier Musikgiganten ausgewählt: Mstislaw Rostropowitsch und Leonard Bernstein. Beide musizierten das Werk 1976 in Paris mit dem Orchestre National de France und nahmen das Werk auch für die Schallplatte auf. Rostropowitsch war von der Zusammenarbeit mit Bernstein so bewegt, dass er beschloss, das Schumann-Cellokonzert nie wieder aufzunehmen:
Ein Hinweis noch zum Schluss: In den kommenden vier Wochen erscheint „Musik in schwierigen Zeiten“ nur zweimal wöchentlich; dienstags gibt es ab 27. Oktober mit  „Faszination Klassik“@Home ein Alternativprogramm – mehr dazu erfahren Sie in den kommenden Tagen.
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus dem Urlaub
Matthias Wengler