Musik in schwierigen Zeiten-Folge 91

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
mit Schwung und Temperament geht es heute in das Wochenende – auf dem Programm stehen die Slawischen Tänze op. 46 von Antonin Dvorak. Im vielseitigen Werk des böhmischen Komponisten spielen die zwei Bände seiner Slawischen Tänze op. 46 und op. 72 eine wichtige, prägende Rolle. Paradoxerweise auf Anregung zweier Deutscher hin entstanden – des Komponisten Johannes Brahms und dessen Verlegers Fritz Simrock – drücken diese Werke unverwechselbar böhmische nationale Identität aus.

Ursprünglich für Klavier zu vier Händen komponiert, entstanden sie in der sehr kurzen Zeit zwischen dem 18. März und dem 7. Mai 1878. Noch im selben Jahr wurden die Tänze von ihrem Komponisten für großes sinfonisches Orchester instrumentiert. Antonín Dvo?ák idealisiert und stilisiert in diesen Stücken typische böhmische Tänze in Bezug auf ihre formale und ideelle Seite. Von den Vorlagen übernahm er lediglich den Rhythmus als das markanteste und charakteristischste Element jedes Tanzes wie etwa den Furiant, die Polka, den Springtanz und die Sousedská (Tanz im Dreiertakt), und schuf seine Tänze aus eigenem und neuem Material. Mit größter Meisterschaft verbindet Dvorak hier Einflüsse der Klassik und Romantik mit Elementen der Volksmusik.  „Vor dem Jahr 1878 wurde in der Musikwelt nicht von mir geredet“, bekannte ehrlich und bescheiden Antonin Dvorak 1886 in einem Interview. Dann erschienen seine Slawischen Tänze op. 46 – wofür er angeblich auch sein erstes richtiges Honorar bekommen haben soll -, und er wurde schlagartig berühmt.
Neben seinen neun Sinfonien haben sich auch die Tänze auf dem internationalen Musikmarkt etabliert. Diese große kompositorische Könnerschaft, diese subtile Mischung von Heimatliebe und rauschhaft-berauschender Lebensfreude, überzeugt nicht nur die Musikkenner, sondern überträgt sich vor allem auf die Zuhörer.
Einer der prominentesten Fürsprecher Dvoráks ist Sir Simon Rattle. Mit dem London Symphony Orchestra musizierte er die Slawischen Tänze op. 46 erst vor wenigen Wochen in der derzeitigen Ausweichspielstätte des Orchesters – in St. Luke’s in London. Hören Sie diese Musik am besten morgens, um frisch gestärkt in den Tag zu starten – falls Sie Musik lieber abends hören, muss ich sie warnen: Diese Musik ist mindestens so stark wie ein doppelter Espresso – vor Schlaflosigkeit wird ausdrücklich gewarnt!
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler