Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten – Folge 9

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,
für den heutigen Karfreitag habe ich natürlich ein Stück aus der Kirchenmusik ausgewählt: So wie viele Pop-Musikern oftmals nur mit einem Hit identifiziert werden, so geht es auch Giovanni Battista Pergolesi – man denkt sofort an sein Stabat Mater. Das mittelalterliche Gedicht vom Schmerz der Gottesmutter um ihren gekreuzigten Sohn wurde seit dem 16. Jahrhundert immer wieder vertont. Pergolesis Version war eine der beliebtesten des 18. Jahrhunderts und berührt damals wie heute mit seiner tief empfundenen Unmittelbarkeit der Leiden Marias.

Nur 26 Jahre alt wurde Giovanni Battista Pergolesi, doch hat er in dieser kurzen Zeit ein erstaunliches Œuvre hervorgebracht. Das Stabat Mater ist zweifellos der Höhepunkt seines geistlichen Schaffens. Es entstand im Auftrag der mächtigen Gilde der Cavalieri della Virgine delle Sette Dolori, die sich zum Jahresfest ihrer Schutzpatronin eine wirkungsvolle Musik wünschten, die das nach zwanzig Jahren ununterbrochener Aufführung mittlerweile schal gewordene Stabat Mater von Alessandro Scarlatti ersetzen konnte. Und Pergolesi lieferte ein ebenbürtiges Stück, das bald einen derartigen Siegeszug durch Europa antrat, dass Johann Sebastian Bach es als „Tilge, Höchster, meine Sünden“ mit neuem Text für den protestantischen Kirchengebrauch bearbeitete. Pergolesi war 1736 durch die Schwindsucht bereits vom Tode gekennzeichnet und schrieb sein Werk in einem Franziskanerkloster, in dem er Zuflucht gefunden hatte.
Die Vielfalt der musikalisch ausgedrückten Empfindungen, die bittersüße Traurigkeit, das zarte menschliche Mitgefühl, die ergreifende Todesklage, aber auch das differenzierte Zusammenspiel von Schlichtheit und Gemütstiefe haben dazu geführt, dass das „Stabat Mater“ zum Inbegriff inniger Kirchenmusik geworden ist.
Ich lade Sie ein, mit dem folgendem Link das Werk kennenzulernen – es ist ein Mitschnitt einer CD-Aufnahme mit Philippe Jaroussky, Julia Lezhneva und dem Ensemble I Barocchisti, die musikalische Leitung hat Diego Fasolis.
Vor einigen Jahren sollte das Werk in einer Traumbesetzung aufgeführt werden. Die hervorragende Altistin Nathalie Stutzmann war als Dirigentin beim Konzerthausorchester Berlin eingeladen, auf dem Programm stand auch Pergolesis Stabat Mater, für die Solistenpartien waren Anna Prohaska und Philippe Jaroussky vorgesehen – für mich ein Pflichttermin. Doch es kam anders: Philippe Jaroussky erkrankte – wer sollte ihn ersetzen? Man fand eine sehr ungewöhnliche Lösung: Die Dirigentin sang auch gleichzeitig die Alt-Partie – und dies so traumhaft schön, dass man nach wenigen Takten vergaß, dass Philippe Jaroussky eingeladen war.
Im folgenden Link können Sie das Werk komplett erleben – mit Emöke Barath, Philippe Jaroussky, dem Enselmble Orfeo 55 und Nathalie Stutzmann als Dirigentin.
Abschließend für diesen besonderen Tag gerne noch ein Hinweis in eigener Sache: Für mich gehört zum Karfreitag eine der großen Passionen von Johann Sebastian Bach. Seit vielen Jahren zählt die Andacht zur Sterbestunde in der Stadtkirche Königslutter, in der wir mit der Propsteikantorei immer Chöre und Choräle aus der Johannes-Passion musizieren, zu den unverzichtbaren Terminen des Kirchenjahres – das wird mir heute sehr fehlen.
Was wir alle längst wussten, momentan aber erleben müssen: Eine Aufzeichnung kann niemals das Live-Erlebnis eines Konzertes ersetzen. Aber: Wir müssen wenigstens nicht komplett auf Musik verzichten – für mich und auch für Sie ist das ein großer Trost, das weiß ich von mittlerweile sehr vielen Rückmeldungen.
Jede Zeit schafft auch neue Worte – noch vor vier Wochen hätte wohl kaum jemand etwas mit dem Begriff „Geisterkonzert“ anfangen können: Künstler musizieren vor leerem Saal.
Am 15. März fand so ein Geisterkonzert in der Kölner Philharmonie mit Bachs Johannes Passion statt – Masaaki Suzuki und sein Bach Collegium Japan zählen seit Jahren zu den herausragenden Bach-Interpreten, die weltweit geschätzt werden – wenn Sie mögen, klicken Sie sich gerne mit dem folgenden Link in die Aufführung hinein:
Seien Sie herzlich gegrüßt aus Braunschweig
Matthias Wengler

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