Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 89

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
seit gestern liegt auf meinem Klavier ein Stück griffbereit, das mich schon seit 25 Jahren durchs Leben begleitet und in den kommenden Wochen endlich auch einmal zur Aufführung kommt: Gemeinsam mit Francisca Prudencio (Sopran) bereite ich die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss in der Klavierfassung vor, die für eine Youtube-Videoandacht zum Ewigkeitssonntag im November aufgezeichnet werden sollen. Somit ist es naheliegend, dieses Werk auch hier vorzustellen.

Soviel vorab: Wenn ich mich unter den Orchesterliedern für ein Lieblingswerk entscheiden müsste, würde meine Wahl auf Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ fallen. Der Titel ist jedoch irreführend: Weder sind die 1948 entstandenen Kompositionen die „letzten“ Lieder (denn es folgte mit „Malven“ noch ein weiteres), noch sind sie gesichert vom Komponisten für eine gemeinsame Werkgruppe vorgesehen gewesen. Der Verleger gab sie nach Strauss’ Tod als „Vier letzte Lieder“ heraus. Richard Strauss hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz zurückgezogen, beschäftigte sich mit „Handgelenksübungen“, kleineren Werken also, bis sein Sohn Franz ihm die Komposition von Liedern ans Herz legte.
Strauss und die Stimme, besonders die Sopranstimme: Sie hatten ein Komponistenleben lang bestens harmoniert. Klavierlieder und solche, die von vornherein als Orchesterlieder konzipiert gewesen waren, ziehen sich durch Strauss’ Schaffen, begünstigt durch die Tatsache, dass Gattin Pauline eine sehr gute Sopranistin war. Die Themen der Gedichtvorlagen der „Vier letzten Lieder“ stammen von Joseph von Eichendorff und Hermann Hesse und kreisen um Tod und Abschied.
Am Ende der „Vier letzten Lieder“ steht die Eichendorff-Vertonung „Im Abendrot“. Wie ein Spiegel für die eigene Situation muss Eichendorffs Gedicht auf den 84-jährigen Komponisten gewirkt haben: „Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand…“. Ein alterndes Paar blickt zurück, geborgen in der Natur, Abendstimmung senkt sich herab, zwei Lerchen steigen auf, Schlaf und Todesahnung verbinden sich. „Nachtträumend“ und „wandermüde“ sind die inspirierenden Worte, die großen Linien der Sopranstimme, die blühende Orchestereinleitung und das verlöschende Nachspiel sind wie ein einziges Ausatmen und Abschiednehmen, zwei Flöten steigen trillernd auf wie die im Text besungenen Lerchen. Es wundert nicht, dass Strauss hier auch mit einem Thema aus der Tondichtung „Tod und Verklärung“ sich selbst zitiert.
Dem Lied „Im Abendrot“ vorangestellt sind drei Vertonungen von Gedichten Hermann Hesses, dessen Werke Strauss erst in dieser Zeit für sich entdeckt hatte. Auf kleinstem Raum schildern auch diese Gedichte einen Lebenszyklus, vom rauschend aufblühenden „Frühling“ zu den Herbstbildern von „September“ und dem feierlichen Hymnus von „Beim Schlafengehen“, in dem Schlaf, Tod und Transzendenz eine Einheit bilden.
Strauss hatte nicht von vornherein an eine zyklische Aufführung und damit auch an eine bestimmte Reihenfolge der Lieder gedacht. Bei der Uraufführung in London am 22. Mai 1950 sang Kirsten Flagstad, es spielte das Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler.  Es fällt sehr schwer, eine Empfehlung auszusprechen – kaum eine Strauss-Sopranistin hat diese Lieder nicht aufgenommen. Drei Konzertmitschnitte stelle ich Ihnen gerne heute vor:
Anja Harteros mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons:
Jessye Norman mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch:
Renée Fleming mit dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler

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