Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 88

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
am 28. März 1995 sollte Yehudi Menuhin die Berliner Philharmoniker dirigieren. Menuhin erkrankte, für ihn sprang ein Kollege ein, der viele Jahre nicht mehr vor diesem Orchester stand: Günter Wand (1912 – 2002). Der langjährige Kapellmeister des Kölner Gürzenich-Orchesters und ehemalige Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters hatte in seinem Ruhestand eine bemerkenswerte Alterskarriere begonnen. Mit seinen Interpretationen der Sinfonien von Brahms, Beethoven, Schubert und vor allem Bruckner genoss er weltweit höchstes Ansehen. Seine Probenarbeit war akribisch und streng – bei den Berliner Philharmonikern trat er erst wieder ans Pult, als man ihm eine fünfte Probe zusicherte. Das Konzert im März 1995 mit Schuberts „Unvollendeter“ und der „Großen“ C-Dur-Sinfonie war der Auftakt zu einer neuen Zusammenarbeit. Das Konzert wurde als CD veröffentlicht und gehört zu meinen wohl am häufigsten gehörten Aufnahmen.
Daher heute meine Empfehlung: Franz Schuberts letzte (und längste) Sinfonie, die sogenannte „Große“ C-Dur-Sinfonie D 944: Er hatte sie im Frühjahr 1825 begonnen und bis zum Februar 1827, anderthalb Jahre vor seinem Tod, fertiggestellt. Die Gesellschaft der Musikfreunde Wien, die noch heute im Besitz des Manuskripts ist, wollte das Werk zwar zur Aufführung bringen, legte das Stück aber „vorläufig zurück“. Uraufgeführt wurde Schuberts Sinfonie erst 1839, knapp 11 Jahre nach Schuberts Tod, im Gewandhaus Leipzig. Robert Schumann war zuvor von Schuberts Bruder Ferdinand auf die Partitur aufmerksam gemacht worden und hatte Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy für die erste Realisierung begeistern können. Um diese „neue“ Sinfonie von der ebenfalls in C-Dur stehenden, aber kürzeren sechsten Sinfonie Schuberts zu unterscheiden, erhielt sie den Beinamen „Große“. Robert Schumann sprach von den mittlerweile sprichwörtlichen „himmlischen Längen“ dieser Sinfonie.
Zurück zu Günter Wand: Er war ein unnachgiebiger Verfechter absoluter Werktreue, Partituren erschienen ihm grundsätzlich völlig unantastbar. Eigenmächtige Ritardandi oder Crescendi galten ihm als beifallheischender „Firlefanz“. Einen Schritt hin zur historischen Aufführungspraxis ist er jedoch auch bei Mozart und Beethoven nie gegangen. Als noch junger Dirigent wurde Wand gefragt, wie er denn die neunte Sinfonie Beethovens zu interpretieren gedenke, eher wie Arturo Toscanini oder mehr im Stile Wilhelm Furtwänglers. Seine lakonische Antwort lautete: „Wie Beethoven“.
Seinem Publikum bleiben besonders die Auftritte seiner späten Jahre unvergessen, wenn er, auf dem Podium noch immer frei stehend, meist ohne Partitur, mit sparsamen Bewegungen, aber unter strengem Augenkontakt mit dem Orchester, „seine“ Bruckner-Sinfonien dirigierte. Obwohl Wand sich im Verlauf seiner Karriere zunehmend auf Beethoven, Schubert, Bruckner und Brahms konzentrierte, war ihm auch die damals zeitgenössische Musik stets ein wichtiges Anliegen. So setzte er sich unter anderem für Werke von Walter Braunfels, Wolfgang Fortner und Bernd Alois Zimmermann ein.

Hier nun also Franz Schuberts Sinfonie Nr. 9 C-Dur D 944 – Günter Wand dirigiert das NDR-Sinfonieorchester beim Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals 1995 in der Lübecker Musik- und Kongresshalle:

https://www.youtube.com/watch?v=rpqHN9u6MIk

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

 

Matthias Wengler

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