Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 71

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
zu den weniger bekannten Werken von Robert Schumann zählt das „Requiem für Mignon“, das ich Ihnen heute gerne vorstellen möchte. Schumann vertonte in diesem rund 15-minütigen Werk ein Kapitel aus Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.

Am 3. Mai 1849, inmitten einer blühenden Schaffensperiode mit einer beeindruckenden Zahl von Werken aller Gattungen, kehrte Schumann von einem Familienausflug nach Dresden zurück und fand die Stadt in einem Zustand revolutionären Aufruhrs. Zwei Tage später verließ er Dresden fluchtartig, um nicht in das Kampfgeschehen verwickelt zu werden, und begab sich in die naheliegende Kleinstadt Kreischa, wo er sich einen Monat aufhielt. In dieser Zeit begann er, Gedichte aus dem halb autobiographischen Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang von Goethe zu vertonen.
In Goethes Roman ist Mignon ein italienisches Waisenkind, das sich hoffnungslos in den Titelhelden verliebt und im Laufe des Werkes allmählich vor Kummer dahinsiecht. Neben dem Mädchen steht der unheimliche, bardenähnliche Harfner, der – ohne dass die beiden Figuren es wissen – das Mädchen in einer Geschwisterliebe gezeugt hatte. Beide – Vater wie Tochter – besingen in ergreifend schönen Gedichten die eigene Seelenqual. Diese Lyrik hat die deutschen Liedkomponisten von Beethoven bis Hugo Wolf zu einigen ihrer größten Liedvertonungen inspiriert. Schumann bildet hierin keine Ausnahme, insgesamt entstanden acht Vertonungen, die als Lieder und Gesänge aus „Wilhelm Meister“ op. 98 a in den Werkkatalog einflossen.

Am 12. Juni, nachdem der Dresdner Aufstand blutig niedergeschlagen war, kehrte Schumann mit seiner Familie nach Dresden zurück. In seinen Gedanken nahm das Goethe-Projekt immer größere Ausmaße an: Am 2. und 3. Juli, hatte Schumann jedoch in einem wahren Schaffensrausch ein berückend schönes Oratorium en miniature skizziert, für das es kaum kompositorische Vorbilder gab: das „Requiem für Mignon“, das später die opus-Nr. 98 b erhielt.

Der Text des Requiem stammt aus dem 8. Kapitel des 8. Buches von Goethes Roman. Dort, nachdem Wilhelm die kindliche Mignon aus dem Sinn verloren hatte, stößt er in einer Abtei unversehens auf ihre Trauerfeier. Die Schilderung der Feierlichkeiten grenzt an eine Bühnendichtung mit Spielanweisungen. Um die Bahre herum stehen vier Knaben, umgeben von wehenden Straußenfedern und einer Gruppe von Erwachsenen, die den Chor bilden. Es handelt sich um ein Trauerlied um den Verlust eines Kindes, bei dem die Erwachsenen den Kindern Worte des Trostes zusprechen. Sobald die Kinder die Bühne verlassen, spricht der Abbé eine düstere Grabrede für das beinahe unbekannte Mädchen, dessen wahre Ursprünge dann durch einen melodramatischen Coup de théâtre bekannt werden. In Schumanns Oratorium, das bereits mit den vier „ins Leben eilenden“ Kindern endet, spielen diese späteren Geschehnisse jedoch keine Rolle.

Das Werk erlebte am 21. November 1850 in Düsseldorf seine Uraufführung in einem Abonnementkonzert unter der Leitung des Komponisten. Die Wiener Erstaufführung leitete kein geringerer als Johannes Brahms als Leiter der Wiener Singakademie (1863/64). Seitdem hat sich das Requiem im Repertoire nur wenig behaupten können: wegen seiner Kürze, die eine Platzierung im Programm schwierig macht, und wegen der impliziten Kenntnis der Schriften Goethes – nach meiner Meinung völlig zu Unrecht.

Zu Schumanns 200. Geburtstag fand 2010 in der Dresdner Frauenkirche ein besonderes Konzert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und dem MDR-Rundfunkchor Leipzig unter der Leitung von Daniel Harding statt. Die Solisten im „Requiem für Mignon“ sind Markus Butter (Bariton), sowie Solisten des Dresdner Kreuzchores: Ole Kottner, Franz Lindner, Sebastian Dominik Pfeifer und Vincent Hoppe.
In den folgenden zwei Links können Sie das Werk erleben:
https://www.youtube.com/watch?v=1UfLqjL6380 (Teil 2)

Herzliche Grüße aus Braunschweig
Matthias Wengler

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