Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 69

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik, er ist der bekannteste Stehgeiger unserer Zeit und vor allem mit Werken der Strauß-Familie seit vielen Jahren weltweit erfolgreich: André Rieu. Einer seiner bekanntesten Walzer-Hits stammt jedoch nicht von Johann Strauß, sondern von Dmitri Schostakowitsch: https://www.youtube.com/watch?v=vauo4o-ExoY

Schostakowitschs Walzer, der übrigens auch für Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ mit Tom Cruise und Nicole Kidman verwendet wurde, stammt aus der Suite für Jazzorchester Nr. 2, die ich Ihnen heute gerne vorstellen möchte. Sie entstand auf Anweisung der Sowjetischen(!) Jazz-Kommission. Die Oktoberrevolution im Jahr 1917 war nicht nur politisch sondern auch kulturell eine tief einschneidende Zäsur für Russland. Revolutionsführer Lenin forderte: „Die Kunst gehört dem Volke. Sie muss ihre tiefsten Wurzeln in den schaffenden Massen haben.“ Fortan wurde die Musik sozialistisch getrimmt. Eine volkseigene Musikkultur sollte auf Befehl des kommunistischen Machthabers entstehen. Der zur selben Zeit in den USA aufkeimende Jazz mit seinem freiheitlich-individualistischen Charakter stand Lenins Vorstellungen von einer volkseigenen Musikkultur diametral entgegen. Dennoch dauerte es nicht lange, bis die ersten Schallplatten mit den neuartigen afroamerikanischen Klängen die noch junge Sowjetunion erreichten. Das russische Volk zeigte sich begeistert, die Sowjetregierung hingegen war weniger angetan von der ausgelassen-emotionalen Musik aus dem Land des Klassenfeindes. Obwohl der Jazz als dekadent galt, kam ein Verbot nicht infrage. Schließlich beschloss man, sich nicht von dem amerikanischen Vorbild abhängig machen zu lassen und gründete kurzerhand eine staatliche Jazz-Kommission. Innerhalb der Kommission wurde festgelegt, den sowjetischen Jazz auf ein professionelles Niveau zu heben und ihn zugleich von seinem wilden Image wegzuführen. Dem Volk propagierte man den Ursprung der Musik als Kunst der unterdrückten schwarzen Bevölkerung Amerikas, was mit der neuen kommunistischen Gesellschaftsordnung bestens in Einklang zu bringen war. Nun musste nur noch ein bekannter Name her, der jüngeren Komponisten als Vorbild dienen könnte. Man entschied sich für Dmitri Schostakowitsch, der bis dahin experimentelle klassische Sinfonien und Konzerte komponiert hatte, die von den Kritikern nicht immer gelobt wurden. Er sagte zu, das Ergebnis sind die beiden Suiten für Jazz-Orchester, die 1934 und 1938 entstanden. Schostakowitsch war sich absolut bewusst, dass er keinen wirklichen Jazz komponierte – für unser Jazz-Verständnis ist die Bezeichnung „Jazz-Suite“ irreführend. In den letzten Jahren wird immer häufiger der Titel „Suite für Varieté-Orchester“ verwendet, was dem musikalischen Charakter des Werks deutlich besser entspricht. Diesmal war es gar nicht so leicht, einen passenden Link zu finden. Vier Sätze dieser Suite (Marsch – Tanz Nr. 2 – Walzer Nr. 2 – Finale) spielte im Juni 2018 der Akademische Orchesterverein Wien unter der Leitung von Marta Gardoli?ska. Es erwartet Sie Unterhaltungsmusik im besten Sinne des Wortes: https://www.youtube.com/watch?v=VKCZqYjpKFw Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig Matthias Wengler

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