Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 62

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
drei Urlaubswochen liegen hinter mir, doch es geht auch danach noch weiter mit „Musik in schwierigen Zeiten“ – heute mit einem Werk, das ich 2010 im Neujahrskonzert im Kaiserdom dirigieren durfte: Robert Schumanns Sinfonie Nr. 4 d-moll op. 120.

Ein radikales Formkonzept, eine vom Publikum unverstandene Erstaufführung und eine jahrzehntelange Phase der Umarbeitung: Schumanns Vierte benötigte mehrere Anläufe, um sich im Konzertrepertoire zu etablieren. Gleich nachdem Robert Schumann die Komposition an seiner ersten Sinfonie („Frühlingssinfonie“) abgeschlossen hatte, stürzte er sich in die Arbeit an dem Nachfolgewerk. Was Schumann als zweite Sinfonie begann, sollte über zehn Jahre später als seine vierte Sinfonie in die Musikgeschichte eingehen. Die Ursache für die von der Chronologie abweichende Zählweise liegt im Abend des 6. Dezembers 1841, dem Tag der Uraufführung, begründet, als das Publikum mit Schumanns neuartigem Werkkonzept nichts anzufangen wusste.

Fast schon tragisch ist die Tatsache, dass die Sinfonie bei ihrer ersten öffentlichen Aufführung beim Publikum durchfiel. Denn für Schumann, der sich aus großer Freude über die bitter errungene Heirat mit Clara Wieck voller Tatendrang und Schaffenseifer an die Komposition machte, handelte es sich um eine aufrichtige Herzensangelegenheit. „Wahrhaftig meine nächste Sinfonie soll Clara heißen“, ließ er verlauten und stellte die Arbeit an dem Werk am 13. September 1841, dem 22. Geburtstag seiner geliebten Ehefrau fertig.

Die Sinfonie war jedoch andersartiger, als es sich das damalige Publikum vorstellte. Schumanns Konzept von einem durchkomponierten Werk ohne Pause, weg von der traditionellen viersätzigen Form hin zu einer offenen, sich fortlaufend weiterentwickelnden Struktur, stieß beim Publikum der Uraufführung auf Unverständnis. Zwar unterteilte Schumann das als „Symphonische Phantasie“ angelegte Werk in vier Sätze, wollte diese aber zusammenhängend, mit der Bezeichnung „attacca“ aufgeführt wissen.

Nachdem die Uraufführung ohne jegliche Resonanz blieb, entschied sich Schumann, die Sinfonie zunächst nicht zu veröffentlichen und das Werk grundlegend zu überarbeiten. Ein Plan, den er erst nach dem Erfolg seiner dritten Sinfonie, der „Rheinischen“, in die Tat umsetze. Erst im Jahr 1853 erschien sie als seine vierte Sinfonie im Druck. Der größte Unterschied liegt jedoch nicht wie vermutet in der Form des Werkes, sondern vielmehr in der grundlegend überarbeiteten Instrumentation. Vormals solistisch besetzte Passagen sind in der zweiten Fassung meist in ganzen Stimmengruppen komponiert, was dem vormals transparenteren Klangcharakter in der zweiten Fassung deutlich konzentrierter wirken lässt. Die Uraufführung der revidierten Fassung erfolgte am 3. März 1853 – und wurde ein großer Erfolg.
Für mich gibt es einen Moment, an dem es bei diesem Werk immer besonders spannend wird: Der dritte und vierte Satz gehen direkt ineinander über, und bei dem durchkomponierten Übergang kann man in gelungenen Aufführungen beinahe schon Anton Bruckner heraushören. Für mich gibt es zwei Dirigenten, die dieses Werk immer besonders gut aufgeführt haben: Daniel Barenboim habe ich mehrfach mit dieser Sinfonie live erleben dürfen und bin nie enttäuscht worden – und Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern. Diese Aufnahme begleitet mich seit meiner Abiturzeit, Sie können Sie im folgenden Link hören und sehen:
Wer die Endfassung mit der Urfassung vergleichen möchte: Sir Simon Rattle ist ein starker Fürsprecher für die Urfassung. Mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment führte er das Werk 2003 im Concertgebouw Amsterdam auf – zu hören im folgenden Link:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler

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