Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten – Folge 53

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

sehr herzlich grüße ich Sie ab heute aus dem Urlaub, den ich wie so oft auf einer Nordseeinsel verbringe. Auf der Suche nach einem passenden Stück zum Urlaubsbeginn hätte ich Ihnen gerne eine Vertonung meiner Insel geschickt – wenn es denn eine geben würde. Aber immerhin: Wer sucht, der findet eine Alternative;
und somit stelle ich Ihnen heute mit großer Freude eine absolute Rarität vor: „Helgoland“ von Anton Bruckner.

Bruckners weltliche Kantate für Männerchor und großes Orchester ist das letzte vollendete Werk des Komponisten, sie entstand 1893 als Auftragswerk für die 50-Jahr-Feier des Wiener Männergesang-Vereins. Als Text verwendet Bruckner ein Gedicht des österreichischen Schriftstellers August Silberstein. Es beschreibt die fiktive(!!!) drohende Invasion des sächsischen Volkes Helgolands durch herannahende Römer, die nur durch das Anrufen und das sofortige Eingreifen Gottes abgewehrt werden kann – den aus heutiger Sicht mindestens kuriosen Text der Ballade können Sie am Ende dieses Newsletters nachlesen.

Die Komposition ist voller Kraft und Enthusiasmus, erinnert nicht selten an Richard Wagner und ist durch Bruckners kühnen Spätstil und eine sinfonische Struktur gekennzeichnet. Bruckner gönnt seinen Musikern in dem rund 15-minütigen Werk kaum Ruhepausen. Er entfesselt sinfonisch gewaltige, harmonisch kühne Passagen, die sowohl die Akteure als auch die Zuhörer leicht überwältigen können. Das Werk steigert sich kontinuierlich und mündet schließlich in ein triumphierendes Finale, dem der Text „O Herrgott, dich preiset frei Helgoland!“ unterlegt ist.

„Helgoland“ wird selten aufgeführt, nicht zuletzt auch bedingt durch die Tatsache, dass es mittlerweile schwer ist, Männerchöre zu finden, die den musikalischen Anforderungen dieses Werkes gewachsen sind. Auffallend ist auch, dass viele Bruckner-Dirigenten das Werk nicht aufgenommen haben. Eine Ausnahme bildet hierbei Daniel Barenboim, der „Helgoland“ gleich zweimal eingespielt hat: 1979 mit dem Chicago Symphony Orchestra und 1992 mit den Berliner Philharmonikern, die hier gemeinsam mit den Männerstimmen des Rundfunkchors Berlin und des Ernst-Senff-Chors zu erleben sind:

https://www.youtube.com/watch?v=kM3bbrYtA6o

Mit etwas Glück bleibe ich im Urlaub von der stürmischen Atmosphäre des Stückes verschont – und wenn die Technik mir keinen Streich spielt, versorge ich Sie gerne auch weiterhin aus dem Urlaub mit Musikempfehlungen.

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus dem Urlaub

Matthias Wengler

Helgoland
Ballade von August Silberstein

Hoch auf der Nordsee, am fernesten Rand,
erscheinen die Schiffe, gleich Wolken gesenkt;
in wogenden Wellen, die Segel gespannt,
zum Eiland der Sachsen der Römer sich lenkt!

O weh um die Stätten, so heilig gewahrt,
die friedlichen Hütten, von Bäumen umlaubt!
Es wissen die Siedler von feindlicher Fahrt!
Was Lebens noch wert, auch Leben sie raubt!

So eilen die Zagen zum Ufer herbei,
was nützet durch Tränen zur Ferne geblickt;
da ringet den Besten vom Busen sich frei
die brünstige Bitte zum Himmel geschickt:

Der du in den Wolken thronest,
den Donner in deiner Hand,
und über Stürmen wohnest,
sei du uns zugewandt!

Lass toben grause Wetter,
des Blitzes Feuerrot,
die Feinde dort zerschmetter!
Allvater! Ein Erretter aus Tod und bitt’rer Not!
Vater!

Und siehe, die Welle, die wogend sich warf,
sie steiget empor mit gischtenden Schaum,
es heben die Winde sich sausend und scharf,
die lichtesten Segel verdunkeln im Raum!

Die Schrecken des Meeres sie ringen sich los,
zerbrechen die Maste, zerbersten den Bug;
Der flammenden Pfeile erblitzend Geschoss,
das trifft sie in Donners hinhallendem Flug.

Nun, Gegner, Erbeuter, als Beute ihr bleibt,
gesunken zu Tiefen, geschleudert zum Sand,
das Wrackgut der Schiffe zur Insel nun treibt!
O Herrgott, dich preiset frei Helgoland!

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