Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten – Folge 52

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

„Operette sich, wer kann“ war viele Jahre ein Lebensmotto von mir – zu viele schlechte Inszenierungen von Operetten haben bei mir oft Fassungslosigkeit darüber ausgelöst, dass man dieses Genre nicht Ernst genug nimmt und zum Teil haarsträubend schlecht auf deutschen Bühnen inszeniert – selbst in diesem Jahr musste ich das noch so erleben. Seit einigen Jahren gibt es aber endlich auch wieder Spitzeninszenierungen (allen voran an der Komischen Oper Berlin), und dann begreift man schnell, warum in früheren Jahrzehnten diese Werke zu großen Publikumserfolgen wurden.

Unübertroffener Renner dieses Genres ist noch immer „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. Sie hat der Operettengeschichte eine neue Wendung gegeben, insbesondere der zweite Akt mit seinen Kontrasten und Steigerungen bis zum jagenden Walzer erwies sich als unübertroffenes Vorbild. In nur 42 Tagen soll die Musik entstanden sein und erobert seit der Uraufführung 1874 im Theater an der Wien die Welt mit spritzigem Humor und brodelnder Champagnerseligkeit, gewitzten Charakteren und großbürgerlicher Doppelmoral, Melodien mit Ohrwurmcharakter und berauschenden Ensembles. In schwungvollen Polkas, rassigem Csárdás und beschwingten Walzern fegte Walzerkönig Johann Strauß damit sogar die Sorgen des Wiener Gründerkrachs hinweg.

Auch „Die Fledermaus“ habe ich manchmal schon eher ertragen als genossen, die Musik versöhnt aber immer wieder – und wenn auf der Bühne schon gar nichts mehr möglich scheint, denke ich an die Wiener Philharmoniker mit der „Fledermaus“-Ouvertüre bei ihrem Neujahrskonzert. Die Ouvertüre wurde bereits zwei Monate vor der Operettenpremiere im Rahmen eines Faschingsballs der Journalisten- und Schriftstellervereinigung „Concordia“ im Sofienbad-Saal in Wien uraufgeführt.

Vier Dirigenten habe ich heute für Sie ausgewählt, die alle auf ihre Weise mit diesem Werk den zweiten Teil des Neujahrskonzertes eröffnet haben. Hier zunächst Georges Prêtre, der zu den bevorzugten Dirigenten von Maria Callas zählte, bei seinem zweiten Neujahrskonzert im Jahr 2010:

https://www.youtube.com/watch?v=QROR4LioU-8

Ebenfalls sehr gelungen: Seiji Ozawa, der einzige Dirigent der Welt, der sowohl Leonard Bernstein als auch Herbert von Karajan zu seinen Lehrern zählen darf. 2002 hat er sein bisher einziges Neujahrskonzert geleitet:

https://www.youtube.com/watch?v=1dp73Jzypw8

Von Dirigenten-Legende Carlos Kleiber war bereits in einer anderen Ausgabe des Newsletters die Rede. 1989 war es eine Sensation, dass der schwierige Dirigent zum ersten Mal für das Neujahrskonzert gewonnen werden konnte – auch er wählte die „Fledermaus“-Ouvertüre zu Beginn:

https://www.youtube.com/watch?v=7HDmIFT0pHY

Und zuletzt: Herbert von Karajan. Im Rückblick ist es verwunderlich, dass es nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern erst 1987 zu einem Neujahrskonzert mit diesem Dirigenten kam. Die folgende Anekdote ist mehrfach belegt: Wegen einer schmerzhaften Erkrankung der Wirbelsäule fiel dem Maestro das Gehen bereits sehr schwer. Vor seinem Auftritt saß er im Dirigentenzimmer des Musikvereins. Alle machten sich Sorgen: Wird er das Pult auf der Bühne erreichen? Obendrein weigerte sich Karajan partout, seine Frackhose anzuziehen. Er wollte seine bequeme Trainingshose auch beim Auftritt vor einem Millionenpublikum anbehalten – und setzte sich durch. Wer es weiß und genau hinschaut, sieht es bei der Konzertaufzeichnung. Karajan lachte hinterher, wie berichtet wird, triumphierend: „Und? Hat jemand was gemerkt?“

Bereits schwer von Krankheit gezeichnet, gelang ihm ein denkwürdiges Neujahrskonzert, von dem die Wiener Philharmoniker heute noch schwärmen:

https://www.youtube.com/watch?v=sHF5LP53LZY

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

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