Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 35

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
was wäre der 1. Januar ohne das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker? Zugegeben: Es fällt leicht, mit einem Strauß-Walzer beschwingt ins neue neue Jahr zu starten. Der Walzer, den ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist allerdings weit entfernt von Wiener Walzerseligkeit.

Bereits 1906 hatte Maurice Ravel die Komposition eines Walzers als Hommage an Johann Strauß geplant, aber erst 1919 entstand das von Ravel als „Apotheose des Wiener Walzers“ apostrophierte Werk „La Valse“: „Durch wirbelnde Wolken sind Walzer tanzende Paare erkennbar. Allmählich teilen sich die Wolken, und man sieht eine große Halle mit einer tanzenden Menschenmenge. Das Licht der Kandelaber verbreitet sich in strahlendem Fortissimo, ein österreichischer Ballsaal um 1855 wird sichtbar…“ Was vor dem Krieg als unbeschwerte Huldigung an ein Emblem der K. und K. Monarchie konzipiert war, geriet dem Komponisten nach dem 1. Weltkrieg unversehens zu einem katastrophischen Portrait und spiegelt so die Untergangsstimmung des Fin-de-siècle, die wenig später in Kriegsbegeisterung umschlug.

Als Maurice Ravel im Jahr 1920 die sinfonische Dichtung „La Valse“ fertig stellte, hatte sie noch einen ganz anderen Namen: Sie hieß „Wien“. Denn es sollte darin um „Wien und seine Walzer“ gehen. So hatte sich Sergej Diaghilew, der Gründer und Leiter des Ballets Russes, dieses Auftragswerk gewünscht, als eine Ballettmusik. Erst nach dem Ersten Weltkrieg änderte man den Titel in das neutrale „La Valse“, denn Wien beziehungsweise Österreich waren jetzt für die Franzosen mit traumatischen Erinnerungen behaftet. Es geht natürlich in dieser Musik immer noch um die Heimat des Wiener Walzers, das hört man sofort; Ravel lässt die Walzerklänge jedoch auch noch durch impressionistische Rhythmen und Harmonien verschwimmen. Schließlich ist die glanzvolle Welt des Walzers zerstört, die Welt des 19. Jahrhunderts. Am Ende des Werkes ist hier dann klanglich endgültig die Moderne erreicht. Das Stück endet in der Katastrophe – und die Katastrophe ist der 1. Weltkrieg.

Im folgenden Konzertmitschnitt dirigiert Leonard Bernstein das Orchestre National de France:

Am Ende des heutigen Newsletters gibt es noch einen kräftigen Nachschlag: Ravels „La Valse“ existiert auch in mehreren Klavierfassungen, die bekannteste ist für zwei Klaviere und hier in einem Mitschnitt vom Münchner Klaviersommer 1982 mit Martha Argerich und Nelson Freire zu erleben:
Wenn man schon verwundert zur Kenntnis nimmt, wie sehr zwei Pianisten schon mit diesem Werk beschäftigt sind, wird staunen, wenn für dieses Werk nur von einem Pianisten interpretiert wird. Boris Giltburg, der 2014 mit dem Staatsorchester Braunschweig Gershwins Klavierkonzert in der Stadthalle spielte, ist im selben Jahr auch in der Londoner Queen Elizabeth Hall mit Ravels „La Valse“ zu erleben gewesen:
Meine letzte Empfehlung des heutigen Tages: Die Bearbeitung einer Bearbeitung – für den kanadischen Klavierexzentriker Glenn Gould war die Fassung für Solo-Klavier von Maurice Ravel nicht genug. Das Ergebnis seiner eigenen Bearbeitung von Ravels Meisterwerk sehen Sie im folgenden Mitschnitt:
Herzliche Grüße aus Braunschweig
Matthias Wengler

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