Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 29

Sehr geehrte Damen und Herren,
die heutige Ausgabe des Newsletters fällt etwas kurios aus – ich empfehle Ihnen heute ein Stück, das ich selbst erst vor wenigen Stunden entdeckt habe: Artie Shaws Concerto for Clarinet. Schuld an diesem Fund ist eine Recherche zu einer weiteren Ausgabe des Newsletters.

Artie Shaw galt lange Zeit vielen Swingfans als Rivale Benny Goodmans, sowohl als Klarinettist als auch als Bandleader. 1938 wählten die Leser des Jazzmagazins „Down Beat“ Shaws Band zur beliebtesten – vor der von Goodman. Dieser wiederum erhielt den ersten Platz als bester Solist – vor Shaw. Als Antwort auf Goodmans Titel „King of Swing” ernannten die Fans Shaw zum „King of the Clarinet.” Sein Verhältnis zum „King of Swing“ definierte Shaw so: „Benny Goodman spielt Klarinette. Ich spiele Musik.“
1940 spielte Artie Shaw in Fred Astairs Film „Second Chorus“ sich selbst; u. a. erklingt hier das eigens dafür von Shaw komponierte Klarinettenkonzert. Das Stück sei eine „Mischung aus ein bisschen Boogie-Woogie-Blues, Klarinette über Tomtom-Zwischenspielen und einem klassischen Jazz-Riff-Aufbau gegen Ende, alles umrahmt von eröffnenden und schließenden virtuosen Kadenzen für den Klarinettensolisten“, schrieb der Komponist Gunther Schuller in seinem Buch „The History of Jazz“. Möglicherweise war es diese für ein Big Band-Stück ungewöhnliche Form und die Hinzuziehung von Streichern, die Shaw dazu brachte, das Ganze als Konzert zu bezeichnen, wenn es auch wenig mit der klassischen Konzertform gemein hat.
Hier kommt erst einmal das Concerto for Clarinet – Solist ist Andreas Ottensamer, Lorenzo Viotti leitet (in ungewöhnlicher Weise) das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra:
Andreas Ottensamer, Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern, stammt aus einer echten Musiker-Familie, die durch die Klarinette geprägt ist: Sein Bruder Daniel spielt bei den Wiener Philharmonikern, der Vater, Ernst Ottensamer, war ebenfalls Klarinettist bei den Wiener Philharmonikern. Er verstarb 2017 überraschend im Alter von nur 61 Jahren.
Der Dirigent (und Schlagzeuger) ist Lorenzo Viotti. 1990 in Lausanne geboren, studierte er zunächst Klavier, Gesang und Schlagzeug in Lyon und macht zur Zeit international eine rasante Karriere als Dirigent. Auch er stammt aus einer Musiker-Familie, seine Schwester Milena spielt Viola im Bayerischen Staatsorchester, der Vater war der bekannte Dirigent Marcello Viotti. Sein Tod erschütterte 2005 die Musikwelt: Er wurde gerade einmal 50 Jahre alt. Lorenzo Viotti konnte ich überraschend als Einspringer im vergangenen Jahr bei den Berliner Philharmonikern erleben; er übernahm sehr kurzfristig innerhalb von drei Tagen die Aufführung von Mahlers 3. Sinfonie. Mit einer der längsten Sinfonien der Musikgeschichte (ca. 100 Minuten dauert das Werk) bei einem Weltklasse-Orchester zu debütieren, ist alles andere als üblich – er hat es mit Bravour gemeistert.
Artie Shaw, der sich selbst als „sehr schwierigen Menschen“ bezeichnete, legte 1954 die Klarinette übrigens beiseite mit der Begründung, dass er seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen könne. Auch wolle er nicht immer wieder die gleichen Titel zum Besten geben und die gleiche Musik schreiben. Im folgenden Link können Sie ihn als „Bonus“ mit seinem Klarinettenkonzert selbst erleben: Der Ausschnitt stammt aus dem erwähnten Fred-Astaire-Film „Second Chorus“:
Ihnen allen einen „swingvollen“ Start in die neue Kalenderwoche mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler

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