Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 24

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

die heutige Ausgabe könnte den Titel „Ein Amerikaner in Paris“ tragen – und damit ist nicht George Gershwins gleichnamiges Orchesterwerk gemeint, sondern die simple Tatsache, dass Sie heute einem berühmten amerikanischen Dirigenten bei einem Gastspiel in Paris über die Schulter schauen können.


Meine heutige Empfehlung für Sie: Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur, das wohl am aufregendsten instrumentierte Konzert für ein Soloinstrument mit Orchester. Es klingt „heiter und brillant im Geiste von Mozart und Saint-Saëns“ und erfreut sich bei Pianisten und Publikum seit seiner Uraufführung 1932 bis heute ungebrochen großer Popularität. Das rund zwanzigminütige Werk soll leicht klingen, heiter, klassisch-unterhaltsam im besten Sinne. Leicht zu spielen ist es deshalb noch lange nicht – weder für den Pianisten, noch für das schlank besetzte Orchester, das vor allem für die Bläser einiges an Herausforderung bietet.

Was für einen Kraftakt es bedeutet, wenn man als Pianist zusätzlich noch als Dirigent des Orchesters mit diesem Werk auftritt, lässt sich für einen Laien kaum beschreiben. Von dem folgenden Konzertausschnitt existieren Probenmitschnitte, die ich erstmals vor zwei Jahren hören konnte. Dort war mitzuerleben, dass es alles andere als einfach ist, in der Doppelfunktion das Werk so spielerisch leicht wirken zu lassen. Überzeugen Sie sich selbst: Hier kommt der rasante Schlusssatz in der Art eines perpetuum mobile; er stellt eine Jagd durch die Instrumente mit ebenso abruptem Ende wie Anfang dar. Es spielt das Orchestre National de France, Solist und Dirigent ist Leonard Bernstein:

https://www.youtube.com/watch?v=uwSQQ2qIc-0

Wenn Sie noch mehr über das Werk erfahren möchten, lesen Sie einfach weiter.

Maurice Ravel war fasziniert von schillernden Klangfarben, irisierenden Rhythmen und unterschiedlichsten Musikstilen. Er hatte bereits die Bekanntschaft mit der amerikanischen Musikkultur gemacht, die Kraft und Dynamik des Jazz zog ihn in den Bann. Mit dem jüngeren George Gershwin bestand ein reger Austausch. Diese Einflüsse haben ihre Spuren auch im G-Dur-Klavierkonzert hinterlassen, das Ravel 1929 begann und zwei Jahre später vollendete. Ebenso wie den Jazz kann man aber auch die rhythmische Finesse und schillernde Farbigkeit der Musik Igor Strawinskys heraushören. Ravel selbst hingegen dachte eher an die Vergangenheit: Er habe ein „Konzert im strengsten Sinne des Wortes komponiert“, meinte er. Das Werk stehe im „Geist der Konzerte von Mozart und Saint-Saëns“.

Der zweite, langsame Satz des Klavierkonzerts wird oft als eines der schönsten „Lieder ohne Worte'“der Musikgeschichte bezeichnet. Er ist eingebettet in das surreale Zirkusambiente des ersten Satzes mit Anklängen an die baskische Heimat Ravels, Blues- und Jazz-Souvenirs von seiner jüngsten Amerika-Reise und den ebenso rasanten Schlusssatz. Was wie aus einem Guss wirkt, hat dem Komponisten unendliche Mühe bereitet. Takt für Takt habe er die Musik zusammensetzen müssen, sagte Ravel und sei darüber „fast krepiert“. Das G-Dur-Konzert sollte denn auch seine letzte größere Partitur bleiben.

Ravels Klavierkonzert G-Dur hatte Bernstein bereits in jungen Jahren einstudiert. Für viele Jahre zählte es zu seinen Bravourstücken, mit dem er als Pianist und Dirigent weltweit Beifallsstürme erntete – von diesem Klavierkonzert gibt es allein drei Schallplattenaufnahmen mit ihm, die erste entstand bereits 1946 in London mit dem Philharmonia Orchestra. Die komplette Aufführung aus Paris fand 1975 statt und ist hier zu erleben:

https://www.youtube.com/watch?v=UtQDZaMcl14

Es fällt schwer, sich noch für eine weitere Alternative zu entscheiden – viele Pianisten haben mich bereits mit diesem Werk begeistert. Sehr gerne empfehle ich Ihnen noch diesen Konzertmitschnitt aus der Cité de la Musique in Paris aus dem Jahr 2009: Die Solistin ist Hélène Grimaud, die hoffentlich wie geplant am 11. November 2020 auch wieder in Braunschweig zu hören sein wird, es spielt das Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Vladimir Jurowski:

https://www.youtube.com/watch?v=Ji-a9zE4IE4

Ihnen allen einen schönen Auftakt in das Wochenende und herzliche Grüße aus Braunschweig

Matthias Wengler

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