Musik in schwierigen Zeiten – Folge 157

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
angesichts des diesjährigen Osterwetters habe ich mich für die heutige Ausgabe für ein unbekanntes Werk eines sehr bekannten Komponisten entschieden – Peter Tschaikowskys Sinfonien, sein Violinkonzert, das erste Klavierkonzert, die Oper „Eugen Onegin“: Alles wohlbekannt – aber „Schneeflöckchen“?
1873 beschäftigte sich Tschaikowsky mit einer winterlichen Komposition – der Schauspielmusik zu dem Märchendrama „Snegurotschka“ (Schneeflöckchen) des russischen Dramatikers Alexander Ostrowski, das am Moskauer Bolschoi-Theater Premiere hatte. Tschaikowsky war ein glühender Verehrer Ostrowskis, der mit knapp 50 Werken zu den Klassikern des russischen Schauspielrepertoires gehört. Das symbolistische Märchenspiel aus dem alten Russland mit einer stattlichen Anzahl von Chören, Liedern und Tänzen basiert – ähnlich wie später Strawinskys „Le sacre du printemps“ – auf heidnischfolkloristischen Legenden und Riten im Umfeld des Frühlingsanfangs.
Schneeflöckchen, Tochter von Vater Frost und der Frühlingsgöttin, ist von betörender Schönheit, aber kalten Herzens, in dem gleichwohl die Sehnsucht nach Liebe und Licht aufkeimt. Nachdem sie im utopischen Reich der Berendejer der Liebe nur als Zaungast begegnet ist, wünscht sie, selber wie die Menschen lieben zu können – und schmilzt zur tödlichen Verzweiflung ihres Geliebten beim ersten Sonnenstrahl hinfort.
„“Snegurotchka“ ist ein Loblied auf die Harmonnie der Natur“ betont der aus Estland stammende Kristjan Järvi, der mit seinen vielbeachteten und gerne unkonventionellen Projekten eindrückliche Plädoyers für kulturellen Reichtum der Ostseeregion huldigt. Tschaikowskys selten aufgeführte Komposition ist vor einigen Jahren durch Järvi und das MDR-Sinfonieorchester gewissermaßen aus der Versenkung geholt worden.
Ein Satz aus diesem Werk, der ohrwurmverdächtige „Tanz der Narren“, soll Sie heute durch den Tag begleiten und gleichzeitig hoffentlich auch die letzte Schneeflocke in unserer Region vertreiben. Der Konzertausschnitt ist eine von vielen Zugaben, die das Baltic Sea Youth Philharmonic mit Kristjan Järvi am 22. Januar 2014 in der Berliner Philharmonie gab – lassen Sie sich gerne von diesem Jugendorchester mitreißen:

Und falls Sie neugierig geworden sind, was an diesem Abend noch erklungen ist, lesen Sie einfach weiter; anders als sonst sei die Konzertkritik von Frederik Hanssen im Berliner Tagesspiegels vom 24. Januar 2014 hier schon einmal vorangestellt:

*Ostseeligkeit – Das Berlin-Gastspiel des Baltic Youth PhilharmonicZum Start Richard Strauss’ „Don Juan“ und am Ende Scriabins „Poème de l’extase“ – das Baltic Youth Philharmonic bringt hoch emotionale Musik in die Philharmonie. Ein Programm mit Unterleib, ideal für die Bedürfnisse des 2008 gegründeten Studentenorchesters, zusammengestellt von Chefdirigent Kristjan Järvi. Bei Young Euro Classic kann man im Sommer am Gendarmenmarkt ja immer wieder beobachten, wie Dirigenten ihre Schützlinge mit allzu schwergewichtigen oder komplexen Werken überfordern. Viele großsinfonische Repertoireklassiker brauchen eben eine gewisse Lebenserfahrung.Was Järvi am Mittwoch dirigiert, ist knackiges Klangfutter für Orchesterfrischlinge. Mit Schwerenöter-Mimik ermutigt er die Truppe bei „Don Juan“ zu maximal sinnlichem Spiel, manövriert die flinken Streicher und exquisiten Bläser mit seiner berühmten Ganzkörper-Dirigiertechnik durch die heiklen Strauss-Stellen. Auch dem amorphen Motivgeflecht im „Poème de l’extase“ vermag Järvi durch diese suggestive Gestik Puls und Richtung zu geben: Wie Lava brodelt und dampft die Musik, vielfach kündigt sich die große Eruption an, bis alles in tollem Krach endet. Das kommt an beim Publikum.Sechs Zugaben werden sich die Zuhörer am Ende dieses überlangen (und dennoch pausenlosen!) Abends erklatscht haben. Die Begeisterung schlägt Wellen, und passend dazu benennt sich das Orchester um: Künftig wird es seinen Titel erweitern – nicht die Namen der Hauptsponsoren Gazprom und Wintershall, die zum Philharmonie-Debüt sogar einen Extra-Scheck mitgebracht haben, – sondern um die Ostsee, auf Englisch baltic sea genannt. Damit klar wird, dass sich die Mitglieder nicht nur aus den baltischen Ländern rekrutieren, sondern aus allen zehn Ostsee-Anrainerstaaten.*
*Lustvoll übt sich dieses Baltic Sea Youth Philharmonic auch in der hohen Kunst der Solisten-Begleitung, wenn zuerst die Pianistin Valentina Lisitsa Rachmaninows verteufelt schwere „Paganini-Rhapsodie“ meistert und dann Julia Fischer mit vollendetem Geschmack Bachs a-Moll-Violinkonzert zelebriert. *
Hier das vollständige Programm mit allen Zugaben:
Richard Strauss – Don Juan op. 20 Sergei Rachmaninoff – Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 (Valentina Lisitsa, Klavier) Franz Liszt – La Campanella (Zugabe) Johann Sebastian Bach – Violinkonzert a-Moll BWV 1041 (Julia Fischer, Violine) Johann Sebastian Bach – Sarabande aus der Partita d-Moll BWV 1004 (Zugabe) Alexander Scriabin – Le Poème de l’Extase op. 54 Zugaben: Richard Wagner – Ritt der Walküren aus „Die Walküre“ Edvard Grieg – Marsch aus „Sigurd Jorsalfar“ op. 22 Peter Tschaikowsky – Tanz der Narren aus „Schneeflöckchen“ op. 12 Hugo Alfvén – Finale aus dem Ballett „Der verlorene Sohn“

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler