Musik in schwierigen Zeiten – Folge 156

Sehr geehrte Damen und Herren. liebe Freunde der Kirchenmusik,
Malerei trifft auf Musik – in der heutigen Ausgabe dreht sich alles um Sergej Rachmaninows sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“, entstanden nach Arnold Böcklins gleichnamigen Gemälde und am 1. Mai 1909 unter Leitung des Komponisten in Moskau uraufgeführt.
1906 siedelte Sergej Rachmaninow vorübergehend nach Dresden über, um – von seinen Pflichten als Dirigent am Moskauer Bolschoi-Theater und den Sorgen wegen der politischen Unruhen in Russland befreit – endlich Zeit und Ruhe für das Komponieren zu haben. Die drei Dresdner Jahre erwiesen sich in der Tat als eine überaus fruchtbare Phase innerhalb von Rachmaninows sehr ungleichmäßig verlaufendem Schaffen, die drei seiner bedeutendsten Werke hervorbrachte: Die zweite Sinfonie, die erste Klaviersonate und die sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“.
Während einer Konzertreise nach Paris im Mai 1907 bekam Rachmaninow eine schwarz-weiße Reproduktion von Arnold Böcklins symbolistischem Gemälde „Die Toteninsel“ zu Gesicht. Der Schweizer Maler hatte zwischen 1880 und 1886 fünf miteinander eng verwandte Fassungen des Bildes geschaffen, das um die Jahrhundertwende große Bekanntheit erlangte. Im Zentrum des Gemäldes ist, von einer unbewegten, weiten Wasserfläche umgeben, eine Insel zu sehen. Diese wird von drei Seiten von hohen, glatten Felswänden gesäumt, in welche Grabkammern eingelassen sind. Die Inselmitte ist von einer bedrohlich wirkenden Gruppe hoher Trauerzypressen bewachsen. Im Vordergrund fährt ein Kahn auf die Insel zu, darin ein Ruderer, ein geschmückter Sarg und eine geheimnisvolle, weiß leuchtende, stehende Gestalt, die gemeinhin als Charon – der greise Fährmann über den Totenfluss – aus der griechischen Mythologie identifiziert wird.
Wie so viele seiner Zeitgenossen war auch Rachmaninow von der morbiden Atmosphäre und der düsteren Erhabenheit von Böcklins Bildidee nachhaltig fasziniert. Über eineinhalb Jahre lang sollte in Rachmaninow die Inspiration heranreifen, bevor er schließlich Anfang 1909 in Dresden seine „Toteninsel“ zu Papier brachte. Sie gilt zu Recht als einer der Gipfelpunkte im Gesamtwerk Rachmaninows. Das einsätzige Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Strenge aus, die mit den glatten, senkrechten Felswänden in Böcklins Bild zu korrespondieren scheint. Viele der Merkmale von Rachmaninows Personalstil – insbesondere seine Vorliebe für Molltonarten, absteigende Melodielinien, dunkle Klangfarben und tiefe Lagen – fügen sich dabei organisch zur inhaltlichen Grundaussage der „Toteninsel“.
Die Komposition gliedert sich in drei Teile: das Meer, die Insel und der Tod. Zu Beginn erklingt ein Rudermotiv im schwankenden 5/8-Takt. Das aus der „Dies irae“-Sequenz abgeleitete Todesmotiv nimmt vor allem im letzten Teil konkrete Gestalt an. Über den Mittelteil sagte der Komponist: *„Er muss einen gewaltigen Kontrast zu allem übrigen darstellen; er soll schneller, viel erregter und leidenschaftlicher gespielt werden. Da diese Passage nicht auf das Bild zurückgeht, handelt es sich eigentlich um eine Art Ergänzung; insofern ist dieser Kontrast überaus notwendig. Erst der Tod, dann das Leben.“ Z*um Ende hin zieht sich das musikalische Geschehen wieder in die Klangatmosphäre des Beginns zurück – Charons Boot hat wieder abgelegt, um schon bald einen neuen Passagier an Bord zu nehmen…
Noch im Februar 2020 konnte ich unsere heutigen Interpreten mit diesem Werk in der ausverkauften Berliner Philharmonie erleben. In den letzten Monaten hat sich das Deutsche Symphonieorchester Berlin mit seinem Chefdirigenten Robin Ticciati immer wieder mit besonderen Online-Projekten bei seinem Publikum zurückgemeldet. Am 21. November 2020 spielten sie in einem von Frederic Wake-Walker inszenierten Konzert in der leeren Berliner Philharmonie Rachmaninows „Toteninsel“. Außerdem stehen in diesem Konzert „ionisches licht“ von Klaus Lang (2020) und Auszüge aus Richard Wagners „Götterdämmerung“ auf dem Programm – typisch für Robin Ticciati, dessen mutige Programmzusammenstellungen mich immer wieder begeistern. Das vollständige Konzert können Sie hier sehen, Rachmaninows „Toteninsel“ eröffnet den Abend:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler