Musik in schwierigen Zeiten – Folge 155

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
zum Auftakt der neuen Woche empfehle ich Ihnen ein Musikstück, das Meister Eder vielleicht auch für seinen Pumuckl aussuchen würde – es ist ein echtes Showpiece der Violinliteratur: „La Ronde des Lutins“ (Der Tanz der Kobolde) von Antonio Bazzini – das Stück wird Ihnen später noch einmal wieder begegnen. Itzhak Perlman wird begleitet von Janet Goodman Guggenheim, der Mitschnitt stammt aus dem Jahr 1990 in Moskau:

Musik kann manchmal für schlaflose Nächte sorgen – bei mir war das in ganz unfreiwilliger Weise in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 1997 der Fall. Ich war Student im zweiten Semester des Kirchenmusikstudiums in Köln, der 17. Dezember war der letzte Unterrichtstag vor der Weihnachtspause. Wäre ich wie gewohnt gegen 17 Uhr von der Kölner Musikhochschule mit dem Auto aus nach Helmstedt gefahren, hätte ich alleine für die ersten 20 km gute 90 Minuten gebraucht – typischer Feierabendverkehr.
Umso gelegener kam mir ein großartiges Konzert, das am selben Abend im Konzertsaal der Musikhochschule stattfand – ohne zu ahnen, was mir noch bevorstand. Die Kölner Musikhochschule hatte sich mit Zakhar Bron einen neuen Professor für Violine geangelt. Bron zählt zu den gefragtesten und bedeutendsten Pädagogen weltweit, zu seinen Schülern zählten u. a. Maxim Vengerov, Vadim Repin (beide damals schon junge Virtuosen der Weltspitze) und der damals 18-jährige Daishin Kashimoto, der heute Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern ist. Mit diesen Könnern bestritt Zakhar Bron, der damals von Lübeck nach Köln wechselte, sein Antrittskonzert und feierte an diesem Abend zugleich seinen 50. Geburtstag. Das Konzertprogramm war dem Anlass würdig: Werke von Chausson, Massenet, Saint-Saëns und Lalo standen auf dem Programm, bevor Vivaldis Konzert für vier Violinen den Abschluss bildete.
Der Abend war lang, und ich war mir sicher, dass ich für die Rückfahrt nicht länger als vier Stunden benötigen würde, der Feierabendverkehr war längst vorüber. Die ersten 200 km verliefen wie geplant, doch in Bielefeld war dann alles aus: Blitzeis, nichts ging mehr, der gesamte Verkehr stand auf der A2 still – und ich habe zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal nicht nur eine schlaflose Nacht auf der Autobahn verbracht, sondern auch dankbar einen Tee und eine Wolldecke vom Deutschen Roten Kreuz in Empfang nehmen dürfen. Nach 10 Stunden war ich endlich zuhause und habe eine Menge Schlaf nachgeholt…
Wann immer mir also diese Musiker begegnen, kommt mir diese Nacht wieder in den Sinn – so auch bei dem Fundstück, das ich vor einiger Zeit auf youtube entdeckt habe und Ihnen heute gerne präsentieren möchte. Vadim Repin und Maxim Vengerov waren bereits als Kinder in Sibirien Schüler von Zakhar Bron – und über Kontakte zu Justus Frantz erhielt Zakhar Bron 1989 eine Professur an der Musikhochschule Lübeck. Wie sensationell seine Schüler schon 1988 in Hamburg spielten, ist in der Sendung „Noch Kinder, schon Stars“ zu sehen, in der auch der Pianist Yevgeny Kissin mitwirkt. Irina Winogradova begleitet die jungen Meistergeiger, die Sendung wird moderiert von Justus Frantz. Hier das Programm:
Fritz Kreisler – Tambourin chinois op. 3 (Maxim Vengerov) Johann Sebastian Bach – Violinsonate h-moll BWV 1014, 3. und 4. Satz (Maxim Vengerov) Frédéric Chopin – Nocturne As-Dur op. 32 Nr. 2 (Yevgeny Kissin) Franz Liszt – Étude d’exécution transcendante Nr. 10 (Yevgeny Kissin) Eugène Ysaye – Solosonate op. 27 Nr. 3 „Ballade“ (Vadim Repin) Sergej Prokofjew – Violinsonate Nr. 2 D-Dur op. 94, 4. Satz (Vadim Repin) Antonio Bazzini – La Ronde des Lutins op. 25 (Maxim Vengerov)
Und hier der Link zur Sendung – am Ende sehen Sie noch einmal Bazzinis „La Ronde des Lutins“, mit dem die heutige Ausgabe begann:

Falls Sie diese Sendung erst abends schauen sollten, kann ich Ihnen im Anschluss keinen geruhsamen Schlaf garantieren – es ist nicht leicht, von diesen jungen Meistern, die seit Jahrzehnten zu Recht Weltstars sind, unbeeindruckt direkt in die Nachtruhe überzugehen…
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler