Musik in schwierigen Zeiten – Folge 154

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik.
ein Orchesterwerk eines Komponisten, der in erster Linie nur mit Orgelmusik in Verbindung gebracht wird, steht heute im Mittelpunkt: Die Sinfonie d-Moll von César Franck.
Längst war César Franck ein weltberühmter Organist, als er sich an die Komposition seiner ersten und einzigen Sinfonie wagte. Die Experimentierfreude, mit der sich der 63-jährige Musiker ans Werk machte, sollte beim Publikum zunächst auf Unverständnis stoßen. Erst nach Francks Tod eroberte das Werk seinen Platz auf den Konzertpodien der Welt.
Trotz seiner Positionen als angesehener Lehrer am Pariser Conservatoire und Organist an Sainte Clotilde wurde César Franck als Komponist kaum beachtet. Den Ruf als führender Sinfoniker Frankreichs hütete zudem eifersüchtig Camille Saint-Saëns, dessen Orgelsinfonie nur drei Jahre vor Francks Beitrag zu dieser in Frankreich damals unterrepräsentierten Gattung uraufgeführt wurde. Franck ging es noch wie Berlioz: Wer etwas gelten wollte in Paris, der musste keine Sinfonien, sondern Opern schreiben. So rührte dort keiner der angesehenen Musiker und Dirigenten eine Hand für Francks 1888 vollendete Sinfonie. Widerwillig arrangierte Jules Garcin zwei Aufführungen in der Société des Concerts du Conservatoire am 17. und 24. Februar 1889 – ein Jahr vor Francks Tod.
In der Tat wurde die Uraufführung ein großer Misserfolg. Kollegen gossen ihren Spott über Franck aus: Gounod nannte die Sinfonie *“die Bestätigung einer Unfähigkeit, die bis in dogmatische Längen getrieben wird“*, Ambroise Thomas machte sich über die eigenwilligen, zahlreichen Modulationen lustig. Francks Zeitgenossen verstörte zudem nicht nur die reiche Harmonik seiner Sinfonie, sondern auch ihre ungewöhnliche Formgebung. Sie weist nur drei statt üblicherweise vier Sätze auf, die auch noch durch gemeinsame thematische Substanz miteinander verbunden sind.
Erst die Nachwelt richtete: Heute ist das Werk längst als eines der bedeutendsten sinfonischen Werke aus Frankreich anerkannt. Francks Sinfonie ist deutlich von seinen Orgelwerken und den klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments geprägt; Manual- oder Registerwechsel sind unüberhörbar, beispielsweise im Mittelteil des zweiten Satzes. Mit ihrer Grandeur und Eleganz, ihrer Mischung aus französischem Parfüm und deutscher Strenge gehört die Sinfonie auf der ganzen Welt zu den Favoriten des Konzertpublikums. Sie setzt einen so jubelnden, unwiderstehlichen Schlusspunkt, dass man kaum begreift, warum das Werk bei der Uraufführung so kläglich durchfiel.
Meine heutige Empfehlung kommt natürlich aus Paris: Das Orchestre National de France unter der Leitung von Leonard Bernstein, aufgezeichnet am 21. November 1981 im Théâtre des Champs-Elysées:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler