Musik in schwierigen Zeiten – Folge 151

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
das folgende Musikstück zählt zu den beliebtesten und meistgespielten Klavierwerken aller Zeiten:

Wolfgang Amadeus Mozarts „Rondo alla Turca“, soeben in rasendem Tempo von Lang Lang interpretiert, bildet den Abschluss der Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331. Im 18. Jahrhundert, 100 Jahre nach der endgültigen Bedrohung der Stadt Wien durch die Türken, gab es in Österreich eine regelrechte „Turkomanie“: Das Wiener Publikum liebte die Musik der Janitscharenkapellen. Mozart nutzte dieses Faible für seine Kompositionen. Der letzte Satz ist es, der diese Sonate so berühmt gemacht hat.
Was diese Sonate so einzigartig macht: Sie hat nicht den formalen Aufbau einer klassischen Sonate der Mozartzeit. Hinter dem ersten Satz „Andante grazioso“ verbirgt sich ein Thema mit sechs Variationen – eine ungewöhnliche Eröffnung einer Klaviersonate. Schlicht, fast volksliedartig und doch elegant gibt sich das Thema – einfach und doch mit Tiefgang, berührend. In den nachfolgenden sechs Variationen spielt Mozart nicht nur gekonnt mit diesem Thema, er zeigt auch seine ganze Raffinesse im Umgang mit Affekten. Komplexität zeichnet den zweiten Satz, ein Menuett, aus – ob in der Struktur, im rhythmischen, motivischen oder ornamentalen Bereich. Und obwohl es so ungewöhnlich ist, wurde doch das Finale der Sonate am berühmtesten.
Mozarts A-Dur-Sonate ist hier mit Daniel Barenboim zu erleben, aufgezeichnet 1990 im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz:

Aus dem Thema des ersten Satzes schuf ein anderer Komponist ein großartiges Stück für Orchester: Max Regers Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart op. 132 sind sein bekanntestes Orchesterwerk geworden, das allerdings bis heute nur relativ selten im Konzertsaal erklingt. Es entstand 1914, als sich Reger von einem der immer häufiger werdenden Zusammenbrüche wegen völliger Überarbeitung erholte. Reger bewunderte Mozart als *“das größte musikalische Wunder, das die Erde gesehen“*. Acht Variationen und eine abschließende Fuge verarbeiten das prägnante Thema in immer neuen musikalischen Ausrichtungen. Gerade im Genre der Variationen konnte Reger seine Meisterschaft in der Behandlung der musikalischen Form und der Orchestrierung zeigen.
Max Regers Kompositionen waren nie unumstritten, selbst nicht bei seinen enthusiastischen Befürwortern. Zu unausgegoren erschien die Mischung von altmeisterlichem Kontrapunkt und moderner Sensibilität, von inniger Romantik und grobschlächtigem Humor. Seine Variationszyklen zählen jedoch zu seinen erfolgreichsten Werken.
Es spricht für Regers Künstlermut, dass er nicht davor zurückschreckte, den direkten Wettbewerb mit dem verehrten Meister aufzunehmen. Der Verlauf des Werks kann als allmähliche Entfernung vom Grundthema verstanden werden, das in der Schlusspassage dann triumphal wiedergefunden wird und für eine große Apotheose herhalten muss. Dass die Anmut des Themas dabei im Trompetengeschmetter untergeht, ist Reger oft zum Vorwurf gemacht worden. In Bezug auf das ganze Werk ist der klangmächtige Schluss aber durchaus plausibel. Er strebt gewissermaßen eine Versöhnung von Mozart und Bruckner an – ein vielleicht schwieriges, aber nicht gänzlich aussichtsloses Unterfangen.
Regers Mozart-Variationen sind am 8. Dezember 2017 mit dem hr-Sinfonieorchester in der Frankfurter Alten Oper aufgeführt worden. Gastdirigent war Peter Peter Eötvös, der zu den wichtigen Komponisten unserer Zeit zählt:

Und zum Abschluss noch ein musikalisches Bonbon: Dass ein türkischer Pianist Mozarts Finalsatz aus der A-Dur-Sonate noch ganz anders interpretieren kann, beweist Fazil Say – sein „Alla Turca Jazz“ ist längst eine beliebte Zugabe geworden, die nicht nur von ihm selbst, sondern auch von zahlreiche Kolleg*innen gerne gespielt wird:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler