Musik in schwierigen Zeiten – Folge 150

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
über das heutige Musikstück ist bereits so viel geschrieben worden, dass man kaum alle Infos in einem kurzen Newsletter zusammenfassen kann. Zugleich ist das Stück aber auch ein Beweis dafür, das man auch nach Jahrhunderten zu neuen Informationen gelangen kann – und da es die 150. Ausgabe unserer Reihe ist, ist dieser Newsletter diesmal deutlich länger als gewöhnlich. Heute dreht sich alles um Johann Sebastian Bachs Chaconne aus der Partita d-Moll BWV 1004 für Violine solo – von Klavier- und Orgelwerken über Kammermusik bis hin zur Chormusik reicht die Spannbreite.
Johann Sebastian Bachs Chaconne ist für Geiger das Maß aller Dinge. Mit diesem Satz aus Bachs zweiter Partita für Violine solo beweisen sich die Meisterinnen und Meister ihres Fachs. Ganze 256 Takte lang ist die Chaconne – für den Einzelsatz eines Solowerks eine monumentale, alle Dimensionen sprengende Länge. Kaum eine Musik ist so „pur“, stellt so große Anforderung an das Konzentrationsvermögen – und zwar an das von Spielern wie Zuhörern. Die Chaconne – das ist eine Welt für sich.
Ein Blick in die Geschichte: Der Geiger Yehudi Menuhin konzertierte bereits kurz nach Kriegsende als erster jüdischer Musiker wieder in Deutschland. Mit dem Orchester von Radio Hamburg (dem heutigen NDR Elbphilharmonie Orchester) machte er eine Aufnahme von Mendelssohns Violinkonzert. Für die begeisterten Orchestermusiker spielte er anschließend die Chaconne von Bach. Dieses Werk verstand Menuhin stets als Friedensbotschaft. Von Menuhin sind leider nur Audioaufnahmen erhalten – aber auch die folgenden drei Geiger sind großartige Interpreten dieses Werks:
Gidon Kremer – die Aufnahme entstand im September 2001 in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Lockenhaus:

Maxim Vengerov, nähere Angaben zum Veranstaltungsort und Aufnahmedatum liegen leider nicht vor:

Joshua Bell während des Nexus Symposiums „The Holocaust and the Power of Music“ im DeLaMar Theater, Amsterdam, am 23. Mai 2014:

Von diesem Symposium sind übrigens noch weitere Videos bei youtube veröffentlicht, die sehenswert sind (Joshua Bell über die Chaconne, Kinder interviewen Joshua Bell, Joshua Bell und Sigmund Rolat über Erinnerung, moralische Verantwortung und die Macht der Musik).
Zurück zur Musik: Dass die Solopartiten von Bach überhaupt wieder entdeckt wurden, ist der Musikergeneration um Robert Schumann und Johannes Brahms zu verdanken. Denn bis dahin waren diese Werke völlig in Vergessenheit geraten – bis Robert Schumann eine Klavierbegleitung zu Bachs Chaconne schrieb. Von da an konnte sich kaum ein Komponist ihrer Faszination entziehen. Johannes Brahms schrieb eine Klavier-Bearbeitung, die nur mit der linken Hand gespielt wird, von Ferruccio Busoni stammt eine pompöse Klavier-Fassung, außerdem gibt es mehrere Orchestrierungen.
Im folgenden Mitschnitt spielt Sebastian Breuninger zunächst die Chaconne in der Originalfassung und im Anschluss in der Bearbeitung von Robert Schumann gemeinsam mit Gewandhausorganist Michael Schönheit (Hammerflügel). Das Bachfest Leipzig 2020 entfiel aufgrund der COVID-19-Pandemie. An den vier Tagen des ursprünglichen Eröffnungs- und Abschlusswochenendes lud Bachfest-Intendant Prof. Dr. Michael Maul gemeinsam mit den Leipziger Bach-Kirchen und Förderern zu einem Konzert-Marathon ein – 1.500 Minuten Bach „zur Recreation des Gemüths“. Hauptsächlich freischaffende Künstlerinnen und Künstler präsentierten ein vielfältiges, innovatives und interaktives Programm, das per Live-Stream aus der Thomaskirche und der Nikolaikirche in alle Welt gesendet wurde. Die folgende Aufnahme entstand am 20. Juni in der Leipziger Nikolaikirche:

Hélène Grimaud ist hier mit der Busoni-Bearbeitung von Bachs Chaconne zu erleben – aufgezeichnet 2001 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie:

1890 wurde Johannes Brahms, der ein begeisterter Sammler von Autographen war, eine Handschrift der Solopartiten zum Kauf angeboten. Brahms traute seinen Augen nicht und bezweifelte gar deren Echtheit – heute befindet sich diese kostbare Handschrift im Besitz der Staatsbibliothek in Berlin. Von Brahms ist folgendes Zitat überliefert: *“Die Chaconne ist mir eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke. Auf ein System für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen. Hätte ich das Stück machen, empfangen können, ich weiß sicher, die übergroße Aufregung und Erschütterung hätten mich verrückt gemacht.“ – *Daniil Trifonov spielte beim Verbier Musikfestival 2016 die Brahms-Bearbeitung für die linke Hand:

1927 bearbeitete Arno Landmann Bachs Chaconne als Orgelwerk – Johannes Geffert ist hier an der Orgel des Kölner Doms zu erleben:

Den heutigen Abschluss bildet eine Fassung, die vor gut 15 Jahren für Furore sorgte – dazu die Vorgeschichte: Im Juli 1720 kehrt Bach von einer dreimonatigen Dienstreise zurück. Als er sein Haus betritt, empfängt ihn die Nachricht, dass seine Frau eine Woche zuvor gestorben ist. Man zeigt ihm das Grab. Wenig später komponiert er die Partita für Violine Solo in d-Moll. Haben diese biographischen Fakten etwas miteinander zu tun? Erst vor einigen Jahren entdeckte die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene, dass in der Chaconne Choräle versteckt sind, die um das Thema Tod und Auferstehung kreisen. Bach ging es damals sicherlich nicht um Virtuosenmusik zum Zeitvertreib für gelangweilte Höflinge.
Nach der Entdeckung der verborgenen Choralzitate durch Helga Thoene war der Geiger Christoph Poppen sofort von der These überzeugt, dass die Chaconne so etwas wie ein musikalischer Grabstein für Bachs verstorbene Frau sein musste. 2005 entstand die großartige Einspielung von „Morimur“ mit Christoph Poppen und dem Hilliard Ensemble. Diese Fassung für Violine solo und vier Stimmen ist am 5. August 2020 im Rahmen des Musica-Sacra-Festivals in der Kirche des Priesterseminars Brixen aufgeführt worden. Es musizieren Marco Serino (Violine) und das Vokalquartett Mozarteum Salzburg.
https://www.youtube.com/watch?v=i-vtSWEs5aQ
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler