Musik in schwierigen Zeiten – Folge 148

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
kennen Sie Beethovens Zehnte? Das Stück, das gar nicht von Beethoven stammt, allerdings oft als solches bezeichnet wird, steht heute im Mittelpunkt: Die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Johannes Brahms.
In puncto Sinfonie war Johannes Brahms ein Spätzünder: Bis zum Alter von 43 Jahren ließ er sich mit seinem sinfonischen Erstling Zeit. Für ihn war das Komponieren einer Sinfonie eine *“Angelegenheit von Leben und Tod“*. Denn Beethovens neun Sinfonien hatten der Gattung zu solch hohem Rang und Anspruch verholfen, dass sie im 19. Jahrhundert als höchstes Ziel des Komponierens angesehen wurde. Dieser übermächtige Schatten Beethovens lastete auf allen nachfolgenden Komponist*innen. Für Brahms kam noch erschwerend hinzu, dass Robert Schumann 1853 den gerade mal 20-jährigen als neuen musikalischen „Messias“ angekündigt hatte.
Diese Vorschusslorbeeren beflügelten und lähmten Brahms zugleich. Alle nachfolgenden Versuche, sich der Gattung Sinfonie zu stellen, waren von Selbstzweifeln begleitet. So näherte er sich Stück für Stück der prestigeträchtigen Sinfonie über das Schreiben von Serenaden, Kammermusik sowie Musik für Chor und Orchester. Erste Entwürfe reichen bis in das Jahr 1854 zurück. 1862 legte Brahms dann einen Entwurf vor, der bereits Motive des späteren ersten Satzes enthält, allerdings noch ohne die langsame Einleitung. Zwölf lange Jahre verschwand dieses Projekt jedoch in der Schublade. Noch Anfang der 1870er Jahre, Brahms war mittlerweile fast 40 Jahre alt, schrieb er an den Dirigenten Hermann Levi: „*Ich werde nie eine Symphonie komponieren. Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört.“ *- mit dem Riesen war Beethoven gemeint. Erst um 1874 holte Brahms sein Projekt aus unbekannten Gründen wieder hervor. Zwei weitere Jahre benötigte er für die Ausarbeitung, so dass seine erste Sinfonie endlich am 4. November 1876 in Karlsruhe uraufgeführt werden konnte.
In Anknüpfung an die klassische Tradition ersann Brahms eigene gestalterische Mittel. Darunter fällt vor allen Dingen das Prinzip der entwickelnden Variation: Alle wichtigen Motive und Themen werden aus einem Kerngedanken hergeleitet. Hatte Beethoven hierfür schon den Grundstein gelegt, so geht Brahms wesentlich weiter und überzieht alle Satzteile mit einem dichten Gewebe motivisch-thematischer Beziehungen. Berühmt wurde das Alphorn-Motiv im Finalsatz, ebenso ein Marschthema, dem man eine Ähnlichkeit mit Beethovens „Freude“-Hymnus aus der 9. Sinfonie bescheinigt hat. Nach Brahms‘ Aussage kein Wunder, da *“das jeder Esel gleich hört!“*. Für den renommierten Dirigenten Hans von Bülow jedenfalls war diese Sinfonie von Brahms *“Beethovens Zehnte“*.
Eine Empfehlung zu geben fällt diesmal besonders schwer – ich entscheide mich für folgende Aufführungen, aus denen Sie wie immer auswählen oder/und vergleichen können – hier zunächst ein sehr schweißtreibender Mitschnitt mit dem Israel Philharmonic und Leonard Bernstein, aufgenommen 1973 im Frederic R. Mann Auditorium (heute Charles Bronfman Auditorium) in Tel Aviv:

Noch einmal Leonard Bernstein, diesmal mit den Wiener Philharmonikern im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins (1980):

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan (1973):

Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim, aufgezeichnet im Juli 2018 im Centro Cultural Kirchner in Buenos Aires:

Einen seiner ungewöhnlichsten Konzertorte hatte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy am 7. September 1997 im Jacobs-Terminal beim Musikfest Bremen – die Bremer Glocke befand sich als Konzertsaal noch im Umbau, und so musizierte man dort, wo sich sonst die Kaffeesäcke nur so stapelten:

Und zuletzt noch ein Mitschnitt vom Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals 1997, das mit dem NDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Günter Wand am 24. August im Kieler Schloss stattfand:

Übrigens: „Beethovens Zehnte“ gibt es wirklich – als Theaterstück des Multitalents Sir Peter Ustinov, das 1987 im Berliner Schiller-Theater seine erfolgreiche deutsche Erstaufführung hatte und vor vielen Jahren einmal in der ARD ausgestrahlt wurde – leider habe ich nirgends eine Wiederaufnahme dieses geistreichen Stücks zu Beethovens 250. Geburtstag auf den Theaterspielplänen entdecken können – hier zum Abschluss der heutigen Ausgabe rasch der Inhalt:
Eine Familie ist beschäftigt mit ihren alltäglichen Problemen. Sohn Pascal, 22 Jahre alt, hat gerade die Uraufführung seiner 4. Symphonie hinter sich gebracht, sehr zum Leidwesen seines Vaters Stephen, eines Musikkritikers, der die Werke seines Sohnes als bedrohlich zahlreich und leichtgewichtig empfindet. Doch der Filius erhält Unterstützung von seiner Mutter Jessica und dem österreichischen Au-Pair-Mädchen Irmgard, die beide wie er selbst eifrig an sein Talent glauben.
In diese Idylle hinein erscheint Beethoven, taub wie immer, sonst aber von erstaunlich lebendiger Gestalt, was bei allen Beteiligten leichte Irritationen auslöst. Vom Ohrenarzt der Familie mit einem Hörgerät ausgestattet, tut sich der hohe Gast schwer mit den Errungenschaften der Technik. Auf die Gefühle seiner Mitmenschen nimmt er keinerlei Rücksicht. Doch seltsamerweise bewirkt er gerade dadurch positive Veränderungen. Man hört sich wieder richtig zu, spricht miteinander und ist offensichtlich doch noch zu mancher Veränderung fähig. Als der Gast seinen Besuch beendet, lässt er einen Hauch von Melancholie und Erkenntnis zurück.
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler