Musik in schwierigen Zeiten – Folge 147

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
einem der populärsten Klavierkonzerte aller Zeiten ist die heutige Ausgabe gewidmet: Das Klavierkonzert a-Moll op. 16 von Edvard Grieg, das sein einziges Instrumentalkonzert blieb und mit dem der gerade einmal 25-jährige Komponist einen ganz großen Wurf gelandet hat. Grieg verknüpft hier die in Leipzig erworbenen Kompositionstechniken mit dem Gestus norwegischer Volksmelodien und schafft es, dem Zuhörer Bilder norwegischer Landschaften vors Auge zu führen.
Griegs Klavierkonzert entstand nur drei Jahre nach Abschluss seines Studiums 1868 während eines Sommeraufenthalts auf der dänischen Insel Sjaelland. Das Werk ist in manchen Aspekten noch deutlich vom deutschen Einfluss geprägt – nämlich demjenigen Robert Schumanns. Dessen Klavierkonzert op. 54 hatte der 15-jährige Grieg 1858 in einer Leipziger Aufführung durch Clara Schumann, der Witwe des Komponisten, erlebt. Griegs eigene Komposition erinnert schon durch die Tonart a-Moll an ihr unmittelbares Vorbild, doch auch der Beginn des Kopfsatzes lässt an Schumann denken – eine dramatische Geste des Solisten, der mit Akkordkaskaden und Arpeggien fast den gesamten Tonumfang des Instruments durchmisst, gefolgt von einem Holzbläser-Thema.
Es gibt noch weitere Ähnlichkeiten, ebenso jedoch gewichtige Unterschiede – vor allem in der Form, die vom üblichen Sonatensatzschema abweicht. Noch deutlicher wird Griegs Eigenständigkeit allerdings in den beiden folgenden Sätzen, die ohne Pause ineinander übergehen. Sie lassen bereits die typisch norwegische Färbung erkennen, wenn vielleicht auch weniger ausgeprägt als etwa in der bekannten „Peer-Gynt-Suite“. So erinnern im melodiösen, von gedämpften Streichern begleiteten Adagio Harmonik und Stimmung des Hauptthemas an Griegs Volkslied-Arrangements. Und im brillanten, rondoähnlichen Finale dominieren der stampfende Rhythmus und die volkstümlichen Quintbässe des „Halling“, eines norwegischen Bauerntanzes. Gelegenheit zum Luftholen bietet hier ein ruhiges Zwischenspiel, doch dann folgt ein weiterer pianistischer Ausbruch, der schließlich – auch das dürfte durch Volksmusik inspiriert sein – vom geraden Takt in einen wirbelnden Dreierrhythmus übergeht. Grieg feierte mit dem Klavierkonzert seinen ersten großen Erfolg; er musste das Werk, das auch von Franz Liszt besonders geschätzt wurde, als Pianist wie auch als Dirigent zeitlebens immer wieder aufführen.
Geschenkt, wenn der schwerblütige Liederkomponist Hugo Wolf, der eher der Fraktion der musikalischen Neuerer um Richard Wagner anhing, im Jahre 1885 zu einem ganz anderen Urteil kam: *„Das a-moll Konzert von Grieg mögen aber die Konzertgeber sich und dem Publikum künftighin schenken. Dieses musikähnliche Geräusch mag vielleicht gut genug sein, Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abzurichtenden Bären zu erwecken; – in den Konzertsaal taugt es nicht, man hielte es denn mit den Sudanesen und ließe sich die Pflege ihres melodischen Charivari angelegen sein – dann allenfalls.“ *Was den Komponisten und Menschen Edvard Grieg ausmachte, erkannte wohl niemand so hellsichtig wie sein großherziger russischer Kollege Peter Tschaikowsky. *„Hochfliegende Pläne“* und *„abgründige Tiefsinnigkeit“ *seien Griegs Sache nicht, konstatierte der, doch dafür rühre der Norweger mit seiner Musik die Herzen, denn *„er ist zutiefst menschlich“*.
Die heutige Aufführung kommt ebenfalls aus dem hohen Norden: Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson erlebt seit einigen Jahren seinen internationalen Durchbruch, auch in Braunschweig sollte er eigentlich am 1. Februar in der Stadthalle mit Griegs Klavierkonzert gemeinsam mit dem Bergen Philharmonic Orchestra auftreten. Das Werk zählt bereits seit längerer Zeit zu seinem Repertoire; mit dem Iceland Symphony Orchestra unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy hat er es am 6. Mai 2011 in der Harpa Reykjavik Concert Hall musiziert – als Zugabe erklingt noch das „Ave Maria“ von Sigvaldi Kaldalóns:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler