Musik in schwierigen Zeiten – Folge 146

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
hört man Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, so ist diese oft fröhlich, heiter und in einer Dur-Tonart komponiert. Das Köchelverzeichnis zählt 626 Werke, nur etwa 33 sind in einer Moll-Tonart bezeichnet. Dass die Moll-Tonart für den Komponisten selbst dadurch einen besonderen Stellenwert erhält, ist unbestritten. Eines dieser wenigen Moll-Werke ist die Klaviersonate Nr. 8 a-Moll KV 310.
*“Trauern Sie mit mir, mein Freund! Dies war der traurigste Tag in meinem Leben – dies schreibe ich um 2 Uhr nachts – ich muss es Ihnen doch sagen, meine Mutter, meine liebe Mutter ist nicht mehr! Gott hat sie zu sich berufen. Erhalten Sie mir meinen Vater, sprechen Sie ihm Mut zu, dass er es sich nicht gar zu schwer und hart nimmt, wenn er das Ärgste erst hören wird. Meine Schwester empfehle ich Ihnen auch von ganzem Herzen. Geben Sie mir gleich Antwort, ich bitte Sie.“* So vertrauensvoll schreibt Wolfgang Amadeus Mozart an Abbe? Bullinger, einen Freund der Familie, in seine Heimat Salzburg. Es war im Juli 1778, kurz nach dem Tod seiner Mutter in Paris. Er traut sich nicht, seinem Vater zu beichten. Die Familie bleibt im Glauben, die Mutter sei krank, dabei ist sie bereits auf einem zur Kathedrale Saint-Eustache gehörigen Friedhof beigesetzt worden.
Es ist eine schwere Zeit für den damals 22-jährigen Komponisten, der in Begleitung seiner Mutter Anna Maria Mozart auf Stellensuche eine Reise über München, Augsburg und Mannheim nach Paris angetreten hat. Auch wenn die Musikwissenschaft inzwischen weiß, dass Mozart die a-Moll-Sonate bereits in Mannheim begonnen hat, so wird das Werk weiterhin aufgrund seines düsteren Charakters mit dem Tod der Mutter in Verbindung gesetzt. Fast unwahrscheinlich erscheint diese Zuordnung, denn Mozart arbeitet ebenfalls zu dieser Zeit an seiner prächtigen D-Dur-Symphonie. Doch der klagende Unterton, die Melancholie und die Trostlosigkeit der Klaviersonate drücken unabhängig von dem Entstehungszeitpunkt Mozarts Leid und Schmerz aus.
Mozart versucht in diesem Werk, dem Klavier seinen Schmerz anzuvertrauen, ihn gleichzeitig zu überwinden und anschließend zu genesen – ein Prozess, der in allen drei Sätzen der Klaviersonate zu spüren ist. Immerhin gelingt es Mozart in Paris noch, für einige seiner Werke (darunter die drei auf der Reise komponierten Klaviersonaten KV 309 – 311), einen Verleger zu finden. Die Sonaten erscheinen einige Jahre nach Mozarts Abreise im Verlag des Musikers François Joseph Heina. Alles in allem aber endete die Reise von 1777/78 im Fiasko. Es war Mozart trotz aller Anstrengungen nicht gelungen, eine feste Anstellung an einem der Höfe oder eine Position in einer bürgerlichen Stadt zu gewinnen, die Mutter war in Paris verstorben. Die Rückkehr in den Salzburger Hofdienst musste ihm schwer fallen, die neue Stelle als Hoforganist erschien ihm zwar besser als die eines Konzertmeisters, konnte ihn aber auf Dauer nicht befriedigen.
Drei Pianisten möchte ich Ihnen heute gerne mit der Sonate a-Moll KV 310 vorstellen – zunächst Rafal Blechacz, aufgezeichnet am 8. Oktober 2018 im Teatro La Fenice in Venedig:

Lucas Debargue in einem Mitschnitt vom 26. Juni 2016 aus der Konzertscheune in Meslay:

Und zum Schluss Altmeister Daniel Barenboim, 1988 aufgezeichnet im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler