Musik in schwierigen Zeiten – Folge 145

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
„jeder Böhme ein Musikant“ – so lautet ein altes Sprichwort, und Antonin Dvo?ák scheint der Beweis zu sein für die urwüchsige Musikalität der Tschechen. Der Sohn eines Dorfmetzgers lernte als Junge nicht nur, wie man Schafe und Ochsen kauft, schlachtet und fachgerecht abhäutet, sondern auch, wie man Geige spielt. Sofort fiedelte er in der Dorfkapelle mit, arbeitete sich hoch als Orchesterbratscher – und wurde zu einem der berühmtesten Komponisten seiner Zeit.
Auch mit seiner Biographie scheint Dvo?ák dieses hartnäckige Klischee vom böhmischen Musikanten zu bestätigen. Trotz seiner Erfolge blieb er nach außen hin immer ganz der bescheidene, gutmütige, treusorgende Familienvater. Der einzige Spleen, den er sich leistete, war seine Begeisterung für Dampflokomotiven: Wenn er sich vom Komponieren erholen wollte, ging er zum Bahnhof, um mit Lokomotivführern zu fachsimpeln. Ansonsten: keine Eskapaden, keine Exzentrik, keine literarischen Ambitionen. *“Über dem Schreibtisch habe ich ein Bild von Papa Beethoven hängen, auf welches ich oft beim Komponieren blicke, damit er im Himmel ein gutes Wort für mich einlegt.“ *So schreibt er, ansonsten vertraut er darauf: *“Der liebe Gott wird mir schon auch einige Melodien zuflüstern.“*
Ein komponierender Naturbursche? Unsinn. Wer einen andern Dvo?ák kennen lernen will, muss nur unser heutiges Musikstück, die Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70, hören. Herb und melancholisch wirkt diese Musik, dabei kompakt und streng. Keine überflüssige Note gibt es hier, jedes Motiv wird durchgearbeitet, jede Nebenstimme hat etwas zu sagen. Keine Frage: Das ist keine gemütliche Schrammelmusik aus der böhmischen Dorfschänke, sondern hochkonzentrierte Sinfonik aus dem Geist von Beethoven und Brahms.
Der liebe Gott hat ihm also tatsächlich ein paar Melodien zugeflüstert, aber damit hat es Dvo?ák nicht bewenden lassen. Seinen Schülern schärfte er ein: *“Einen schönen Gedanken zu haben, ist nichts Besonderes. Der Einfall kommt von selbst und wenn er schön ist, dann ist das nicht das Verdienst des Menschen. Aber den Gedanken gut auszuführen und etwas Großes aus ihm zu schaffen, das ist das Schwerste, das ist – Kunst!“*
Tatsächlich wollte Dvo?ák mit dieser Sinfonie beweisen, dass er weit mehr zu bieten hatte als stimmungsvolles Lokalkolorit. *“Meine Sinfonie soll so ausfallen, dass sie die Welt bewegt“ – nichts weniger!“* Bei der Uraufführung am 22. April 1885 in der Londoner St. James Hall mit dem Londoner Philharmonic Orchestra stand Dvo?ák selbst am Pult. Die Sinfonie wurde mit enormer Begeisterung vom Publikum aufgenommen, was mit dazu beitrug, Dvo?áks Ruhm als Sinfoniker auf der ganzen Welt zu bereiten. Dvo?ák selbst war über die Erfahrungen auf der britischen Insel voller Stolz und Dankbarkeit. An seinen Vater schrieb er: „*Ich kann euch gar nicht sagen, wie diese Engländer mich auszeichnen und mögen! Überall wird über mich geschrieben und, man sagt, ich sei der Löwe der heurigen Musiksaison in London.“*
Hier also nun Dvo?áks Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70 mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rafael Kubelik, aufgezeichnet im Herkulessaal der Münchner Residenz:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler