Musik in schwierigen Zeiten – Folge 143

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
„for me every music is serious“, lautete das musikalische Credo von Leonard Bernstein. Kein Wunder also, dass der Dirigent, Komponist, Pianist und Fernsehmoderator in Personalunion mit allen möglichen Stilen experimentierte, um zwischen Broadway, Jazz, Avantgarde und Klassik zu vermitteln. Mit vertrackten Jazz-Rhythmen setzte er sich in „Prelude, Fugue and Riffs“ auseinander, einem zwischen polyrhythmischen Strukturen à la Strawinsky und Bigband-Sound changierenden Geniestreich.
Der berühmte amerikanische Jazz-Klarinettist, Sänger und Bandleader Woody Herman bestellte 1948 dieses dreisätzige Werk für Soloklarinette und Jazz-Ensemble bei Bernstein. Herman galt als musikalisches Wunderkind auf der Klarinette und trat bereits mit neun Jahren öffentlich im Vaudeville-Theater auf. Doch als „Prelude, Fugue and Riffs“ 1949 fertig vorlag, war Hermans Band bereits aufgelöst. Herman konnte das ausgehandelte Honorar nicht bezahlen und bekam folglich auch keine Aufführungsrechte.
Um die Musik dennoch irgendwie verwenden zu können, nahm Bernstein 1952 einen Satz daraus in sein Musical „Wonderful Town“ auf. Das ganze Werk blieb jedoch bis 1955 unaufgeführt in der Schublade – bis der legendäre Benny Goodman, der seit den frühen Vierziger Jahren mit Bernstein befreundet war, diesen ermunterte, das Werk doch einmal aufzuführen. Und so kam es am 16. Oktober 1955 zur denkwürdigen Premiere mit Benny Goodman auf der Soloklarinette in Bernsteins Omnibus-TV-Show „The World of Jazz“. Goodman, dem das Werk auch gewidmet wurde, machte auch die erste Schallplatteneinspielung von „Prelude, Fugue and Riffs“, ebenfalls mit Bernstein am Pult.
„Prelude“ wird von den Blechbläsern dominiert, sowohl mit schwungvollen Jazz-Elementen, aber auch einem Hauch von Strawinsky. „Fugue“ konzentriert sich auf die Saxophone und das Schlagzeug, während Riffs schließlich der Klarinette und dem Klavier die Bühne überlässt – wie bei einer Improvisation, die in diesem Fall aber komplett notiert ist. Die Uraufführung ist erhalten – und so sind hier Benny Goodman und Leonard Bernstein mit „Prelude, Fugue and Riffs“ zu erleben:

Ein aktueller Mitschnitt folgt mit Jochen Tschabrun (Klarinette) und der hr-Bigband unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada. Sie musizierten Bernsteins Werk am 13. April 2018 in der Alten Oper Frankfurt:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler